113 Jahre Mobilität: Historische Radtour verbindet Bitterfelder Traditionsgeschäft mit Kraftwerk Zschornewitz

Rund 70 Teilnehmende feiern Jubiläum des Irene Fahrrad Hauses mit gemeinsamer Ausfahrt – Kooperation zweier Vereine macht Industriegeschichte erlebbar

Strahlend blauer Himmel über Bitterfeld-Wolfen, vereinzelte weiße Wolken, ein leichter Wind – besseres Wetter hätte man sich für diese besondere Radtour kaum wünschen können. Am Sonntagvormittag versammeln sich vor dem historischen Irene Fahrrad Haus in der Burgstraße 8 Menschen aus der gesamten Region und darüber hinaus. Rund 70 Interessierte sind gekommen, um gemeinsam ein außergewöhnliches Jubiläum zu feiern: Vor genau 113 Jahren, am 1. März 1913, öffnete Karl Max Schneider hier sein „Irene Fahrrad Werk“.

Vor dem Traditionsgeschäft reihen sich die Fahrräder aneinander – und was für welche: Mehr als die Hälfte sind historische Schätze, manche mit kunstvoll geschwungenen Rahmen, andere mit blank poliertem Chrom oder einer authentischen Rostschicht. Das älteste Rad ist um die 110 Jahre alt, fast so alt wie das Geschäft selbst. Neben den Veteranen stehen moderne Räder, teilweise sogar mit elektrischem Antrieb – ein lebendiges Bild, das zeigt, wie Vergangenheit und Gegenwart hier zusammenkommen.

Eine Fahrt durch die Geschichte

Rund 50 Menschen schwingen sich in die Sättel, der Jüngste gerade zwölf Jahre alt, der Älteste 73. Ein besonderer Hingucker: Ein kleiner Hund, der es sich gemütlich in einem Gepäckträger eingerichtet hat. Die Stimmung ist ausgelassen, überall Gespräche, Lachen, gelegentliches Quietschen und Knacken. So setzt sich die Gruppe in Bewegung, Richtung Kraftwerk Zschornewitz.

Die Route führt durch die Landschaft, die von der industriellen Vergangenheit geprägt ist. Am Muldestausee legt die Gruppe die erste Pause ein. Hier erzählt die Gruppenführung von der Geschichte der Region, von der Industrialisierung, die diese Gegend grundlegend verändert hat. Weiter geht es zur „Gurke“, wie die Einheimischen den See bei Zschornewitz nennen. Auch hier wird Halt gemacht, Zeit für Austausch und weitere spannende Geschichten über die Region.

Was auffällt: Die Autofahrer nehmen Rücksicht, die lange Schlange historischer und moderner Räder wird respektvoll behandelt. Alle kommen gut voran und die Gespräche reißen nicht ab. „Die Ausfahrten sind immer interessant“, erzählt ein Teilnehmer. Eine andere Gruppe ist extra aus Berlin angereist: „Historische Fahrten zu spannenden Orten in Regionen, in denen man noch nicht war – das ist für einen sonnigen Sonntag perfekt.“

Zwei Denkmale, eine Wurzel

Die Verbindung zwischen dem Irene Fahrrad Haus und dem Industriedenkmal Kraftwerk Zschornewitz ist keine zufällige Kooperation zweier Vereine – sie ist historisch begründet. Beide Standorte entstanden als Folge der Industrialisierung und der Expansion aus Berlin. Als die Bitterfelder Industrie Fahrt aufnahm, zog das Fahrradgeschäft von Berlin hierher. Das Kraftwerk Zschornewitz, das im letzten Jahr sein 110-jähriges Bestehen feierte, war einer der Motoren dieser Entwicklung.

„Man ist früher mit dem Rad zur Arbeit gefahren, ins Kraftwerk und in die Fabriken“, erklärt Nadine Schröder vom Forum Rathenau e.V. Sie selbst hat noch ein altes Fahrrad von ihrer Oma im Keller stehen und freut sich, verwandt aussehende Räder heute wieder ums Kraftwerk herum zu sehen. In der Sammlung des Irene Fahrrad Hauses finden sich Werksfahrräder verschiedener Betriebe – etwa von den Rohrwerken. Sie sind stumme Zeugen einer Zeit, als das Fahrrad nicht nur Freizeitgerät, sondern unverzichtbares Arbeitsinstrument war.

Heimat und Identität

Das Irene Fahrrad Haus ist nach aktuellem Kenntnisstand das letzte komplett erhaltene Fahrradgeschäft seiner Art in ganz Deutschland – möglicherweise sogar in ganz Europa, wie derzeit geprüft wird. Marko Tennert, Vorsitzender des Vereins Industriedenkmal & Kulturwerkstatt Irene Fahrrad Haus e.V., kannte die Familie Schneider, die das Geschäft über drei Generationen führte, noch persönlich.

„Für mich ist dieser Laden Heimat“, bringt er sein Verhältnis zum Fahrradhaus auf den Punkt. Und genau dieses Gefühl von Regionalidentität ist es, was Menschen in den Verein zieht: Fahrradsammler und -enthusiasten treffen hier auf Industriekultur-Interessierte, Familien auf Menschen, die einfach gerne Rad fahren, Geschichts-Begeisterte auf solche, die ihre Region aktiv unterstützen möchten.

Einer der Teilnehmenden erzählt, wie er zu seinem Hobby kam: Zu Studienzeiten fand er ein Rad aus den 1930er Jahren am Straßenrand – der Beginn einer Leidenschaft. Mit dabei sind auch befreundete Vereine: die Fahrradveteranen Freunde Dresden, die Technikfreunde Friedersdorf und die Oldtimergemeinschaft Wolfen e.V.

Führung, Kaffee, Zukunftspläne

Am Kraftwerk Zschornewitz angekommen, empfängt das imposante Industriedenkmal die Gruppe. Das monumentale Gebäude, ein Meisterwerk der Industriearchitektur, bildet eine eindrucksvolle Kulisse. Nach einer Führung durch das Kraftwerk laden beide Vereine zu Kaffee, selbstgebackenem Kuchen und herzhaften Snacks ein. Hier wird nicht nur gefeiert, sondern auch über die Zukunft gesprochen: Wie können solche Denkmale erhalten werden? Wie lässt sich Industriegeschichte für kommende Generationen erlebbar machen?

Die Gründe der Teilnehmenden sind so vielfältig wie die Gruppe selbst: „Das schöne Wetter nutzen“, „mit der Familie das Kraftwerk sehen“, „Vereinsleben unterstützen und den Geburtstag des Ladens feiern“, „Wissen über die Region sammeln“, „das alte Kraftwerk sehen, weil es wichtig ist für die Region“ oder „einfach nur Spaß haben“. Viele kündigen bereits an: „Zum Tag der Industriekultur komme ich wieder.“

Geschichte erfahren, nicht nur erlesen

Die Geschichte der Region den Menschen zu erzählen – darin sehen beide Vereine eine zentrale Aufgabe. Nicht nur im Museum oder in Büchern, sondern erlebbar, erfahrbar im wahrsten Sinne des Wortes. Die Kombination aus Netzwerktreffen und Industriekultur macht beide Initiativen besonders.

Am 12. April 2026, dem Tag der Industriekultur, öffnen sowohl das Irene Fahrrad Haus als auch das Kraftwerk Zschornewitz wieder ihre Türen und Tore. Führungen, Veranstaltungen und der Austausch mit Gleichgesinnten stehen auf dem Programm. Das Irene Fahrrad Haus lädt zudem jeden dritten Montag im Monat zu einer abendlichen Ausfahrt ein – auf historischen Rädern oder modernen Bikes, allein entscheidend ist das Interesse an der eigenen Region und ihrer Geschichte.

Gegen 15 Uhr kehrt die Gruppe zufrieden zum Ausgangspunkt zurück. Fast 70 Menschen, zwei Vereine, über 50 Fahrräder und mindestens 113 Jahre Geschichte – ein gelungener Tag, der zeigt: Regionalgeschichte ist nicht verstaubt, sondern lebendig, verbindend und zukunftsweisend.

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