
Das Festival OSTEN findet von Samstag, 12. September bis Sonntag, 27. September 2026 im Industriedenkmal Kraftwerk Zschornewitz und in Bitterfeld-Wolfen mit dem Thema „KRAFTWERK ZUKUNFT“ statt.
Der Kulturpark e.V. und der Forum Rathenau e.V., der dieses Jahr der Kooperationspartner des Festival OSTEN ist, haben ein sehr umfangreiches und vielfältiges Programm zusammengestellt mit sehr vielen Highlights für Familien, Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
Aus dem Programm stellen wir hier die beiden Forum Rathenau talks vor, die jeweils um 12 Uhr in der historischen Schaltwarte des Kraftwerks Zschornewitz stattfinden: „Kraftwerk der Zukunft: Wo kommt die Energie von morgen her?“ am 13. September und „Kohlenstoff neu denken: CO₂ als Rohstoff“ am 19. September. Einige der Podiumsgäste geben vorab im Interview erste Einblicke.
Forum Rathenau talks – Kraftwerk der Zukunft: Wo kommt die Energie von morgen her?

Kernfusion statt Kohle, Solarzellen auf Dächern, Wasserstoff aus der Pipeline und Höhenwind als Energielieferant: Wie sieht das Kraftwerk der Zukunft aus? Was wäre, wenn wir das Netz als Schlüssel denken und das Stromnetz von morgen dezentral und modular ist? Brauchen wir dann noch Kraftwerke?
In der historischen Schaltwarte im Kraftwerk Zschornewitz am 13. September um 12 Uhr geben Torsten Hölscher, Ursel Fantz, Jens Schneider und Cornelia Müller-Pagel Einblicke in ihre Praxis, die Moderation hat Inka Zimmermann (MDR). In einer lebendigen Podiumsdiskussion geben sie Impulse zur Energie von morgen und diskutieren über das Energiesystem der Zukunft. Wie erzeugen wir künftig in der Region Strom und Wärme und wie wird das unseren Alltag verändern?
Im Interview sprechen Cornelia Müller-Pagel, Professorin Ursel Fantz und Dr. Torsten Hölscher von ihrer Perspektive auf die Energie der Zukunft.
Cornelia Müller-Pagel ist studierte Volljuristin und zugelassene Rechtsanwältin. Nach beruflichen Stationen in Erfurt, Jena und Neu-Delhi arbeitet sie seit 2011 in verschiedenen Funktionen bei der Verbundnetz Gas AG. Seit 2019 verantwortet sie dort die Abteilung Grüne Gase, in der die Grüne Gase Projekte des Konzerns gebündelt werden. Zudem ist sie verantwortlich für die Projektleitung des Reallabors Energiepark Bad Lauchstädt. Seit 2020 ist Cornelia Müller-Pagel Mitglied des Vorstandes des HYPOS Vereins und seit 2023 Geschäftsführerin der Elektrolyse Mitteldeutschland GmbH.
Ursel Fantz studierte Physik und promovierte an der Universität Stuttgart auf dem Gebiet der Plasmaforschung. Nach ihrer Habilitation in Experimenteller Physik an der Universität Augsburg wechselte sie an das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching, wo sie seit 2010 den Bereich „ITER-Technologie & Diagnostik“ leitet. Zugleich ist sie Professorin an der Universität Augsburg und leitet dort die Arbeitsgruppe Experimentelle Plasmaphysik. Im Mittelpunkt ihrer Forschung stehen Niedertemperaturplasmen und leistungsstarke Ionenquellen für die Neutralteilchenheizung von Fusionsanlagen, insbesondere für das internationale Fusionsexperiment ITER. Ihre Interessen reichen von Grundlagenforschung über Prototypenentwicklung bis hin zu ingenieurwissenschaftlichen Fragestellungen.
Dr. Torsten Hölscher leitet an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg eine Nachwuchsgruppe zur Entwicklung neuer Materialien für die Photovoltaik. Nach längerer Forschung an Chalkogenid-Dünnschichtsolarzellen arbeitet er nun an Mehrfachsolarzellen der nächsten Generation. Sein Fokus liegt auf der Verbindung von Spitzenforschung, Technologietransfer und nachhaltiger Energieversorgung.
Wo kommt die Energie von morgen her?
Cornelia Müller-Pagel: Die Energie von morgen kommt aus einem intelligent verknüpften Energiesystem: aus erneuerbarem Strom, der dort, wo er anfällt, effizient genutzt, gespeichert und in andere Energieträger umgewandelt werden kann. Im Energiepark Bad Lauchstädt zeigen wir genau das im industriellen Maßstab. Windstrom aus dem benachbarten Windpark wird in einem 30-Megawatt-Elektrolyseur in grünen Wasserstoff umgewandelt. Dieser Wasserstoff kann anschließend über eine bestehende, auf Wasserstoff umgestellte Gasleitung zur Industrie transportiert, perspektivisch gespeichert und dort eingesetzt werden, wo eine direkte Elektrifizierung zur CO₂-Reduktion schwierig ist – zum Beispiel in der chemischen Industrie. Für uns bei VNG ist das ein konkretes Bild der Energieversorgung von morgen: auf Basis erneuerbarer Energie, verlässlich und sektorenübergreifend.
Ursel Fantz: Die Energie von morgen wird (immer) ein Energiemix sein, indem Erneuerbare Energien, Energiespeicher sowie Grundlastkraftwerke im Zusammenspiel agieren. Die unterschiedlichen Anteile mögen von Region zu Region, Land zu Land unterschiedlich sein.
Torsten Hölscher: Die Energie von morgen wird zu einem großen Teil direkt von der Sonne kommen – aber nicht mehr nur über die klassischen Solarmodule, die wir heute von Dächern kennen. Der Fokus verschiebt sich zunehmend auf Mehrfachsolarzellen, auf Basis von neuartigen Materialien, die so leicht und flexibel sind, dass sie sich in Fassaden, Fenster, Fahrzeugdächer oder sogar Gewächshausfolien integrieren lassen. Die Energiewende der Zukunft wird also weniger „ein großes Kraftwerk irgendwo“ sein, sondern viele tausend kleine, unauffällige Energiequellen, die dort erzeugen, wo der Strom auch verbraucht wird – kombiniert mit Speichertechnologien und einem intelligenten, dezentralen Netz.
Welchen Beitrag leisten Sie dazu?
Cornelia Müller-Pagel: VNG bringt in den Energiepark Bad Lauchstädt ihre Kernkompetenzen entlang der Gaswertschöpfungskette ein: Infrastrukturverständnis, Speicher-Know-how, Vermarktungskompetenz und Erfahrung im Aufbau neuer Geschäftsmodelle für grüne Gase. Als Gesamtprojektleiterin ist es meine Aufgabe, die vielen Partner, Technologien und Schnittstellen zusammenzuführen – von der Stromerzeugung über Elektrolyse, Transport und Gasaufbereitung bis zur Nutzung. Wir wollen nicht nur zeigen, dass grüner Wasserstoff technisch funktioniert, sondern auch, welche Rahmenbedingungen notwendig sind, damit daraus ein tragfähiger Markt entstehen kann. Damit leisten wir einen praktischen Beitrag zur Defossilisierung der Industrie und zum Aufbau einer Wasserstoffregion in Mitteldeutschland.
Ursel Fantz: Ein Kraftwerk basierend auf Kernfusion eignet sich zu Deckung der Grundlast und kann einen wesentlichen Beitrag zu Deckung des stetig wachsenden Energiebedarfs leisten.
Torsten Hölscher: Mein Beitrag liegt in der Materialforschung selbst: Wir entwickeln und testen neue Halbleiterschichten, die mit verfügbaren und kostengünstigen Rohstoffen auskommen, sich bei niedrigeren Temperaturen herstellen lassen – und damit deutlich energieärmer produziert werden können als klassische Siliziumsolarzellen – und trotzdem hohe Wirkungsgrade erreichen. Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist die Langzeitstabilität dieser Materialien zu verbessern, denn gerade Halid-Verbindungen sind vielversprechend, aber empfindlich gegenüber Feuchtigkeit und UV-Licht. Wir versuchen, diese Lücke zwischen Labor-Rekordwerten und alltagstauglicher Haltbarkeit mittels Chalkogenid-Verbindungen zu schließen – und das mit Blick auf eine Region, die als Standort für Solarindustrie und Materialforschung schon lange Tradition hat.
Was sind die Vorteile im Vergleich zur heutigen Energiegewinnung davon?
Cornelia Müller-Pagel: Der entscheidende Vorteil ist: Grüner Wasserstoff ersetzt fossile Energieträger dort, wo es auch in Zukunft Moleküle brauchen wird. Er ist bei Erzeugung und Nutzung CO₂-neutral. Gleichzeitig kann Wasserstoff Strom speicherbar und in Pipelines transportierbar machen – zwei Eigenschaften, die für ein Energiesystem mit viel Wind- und Solarstrom unverzichtbar sind, da die Stromnetze entlastet werden. Im Vergleich zur heutigen Energiegewinnung aus fossilen Quellen schafft der Energiepark also mehrere Vorteile zugleich: weniger CO₂-Emissionen, bessere Integration erneuerbarer Energien, Weiternutzung vorhandener Gasinfrastruktur und neue industrielle Wertschöpfung in der Region. Besonders wichtig ist aus unserer Sicht, dass wir vorhandene Leitungen nicht einfach abschreiben, sondern für die klimaneutrale Zukunft nutzbar machen.
Ursel Fantz: Heutige Kraftwerke basieren auf fossilen Energieträgern mit hohem CO2 Ausstoß. Die Kernfusion erzeugt bei der Verschmelzung von Atomkernen keine Treibhausgase und ist daher im Betrieb CO2-frei, sicher und umweltverträglich. Da die Rohstoffe der Kernfusion prinzipiell weltweit verfügbar sind, können geopolitische Abhängigkeiten vermieden werden.
Torsten Hölscher: Dünnschicht-Photovoltaik verbraucht in der Herstellung deutlich weniger Material und Energie als klassische kristalline Siliziummodule. Sie ist leicht, flexibel und kann Flächen nutzen, die heute komplett ungenutzt bleiben – Fassaden, gekrümmte Oberflächen, mobile Flächen. Das bedeutet: weniger Flächenkonkurrenz zur Landwirtschaft, kürzere Transportwege durch lokale Produktion und ein deutlich geringerer CO₂-Rucksack pro erzeugter Kilowattstunde. Im Vergleich zu fossilen Kraftwerken entfällt natürlich der laufende Brennstoffbedarf komplett – die Solaranlage liefert Strom kostenlos, jeden Tag, ganz ohne Emissionen im Betrieb.
Weshalb sollten Gäste zum Talk „Kraftwerk der Zukunft: Wo kommt die Energie von morgen her?“ am Sonntag, 13. September von 12 bis 13 Uhr im Rahmen des Festival OSTEN ins Industriedenkmal Kraftwerk Zschornewitz kommen?
Cornelia Müller-Pagel: Weil die Energiewende nicht abstrakt bleiben darf – und vor allem aufgezeigt werden muss, welchen Nutzen sie in der Region bringt. Der Energiepark Bad Lauchstädt zeigt, dass die Transformation nicht nur in Konzeptpapieren stattfindet, sondern ganz konkret in Mitteldeutschland – mit Windrädern, Elektrolyse, Pipeline, Gasaufbereitung, Industrieabnehmern und vielen Menschen, die daran arbeiten. Wer zum Talk kommt, bekommt Einblicke in die Chancen, aber auch in die Herausforderungen: Wie schaffen wir Versorgungssicherheit und Klimaschutz gleichzeitig? Welche Rolle spielt Wasserstoff? Und was bedeutet Strukturwandel ganz praktisch für Regionen wie unsere? Genau darüber möchte ich aus Sicht von VNG und aus der Projektpraxis sprechen.
Ursel Fantz: Um den heutigen Stand der verschiedenen faszinierenden Technologien zu erfahren und mit einem positiven Blick/Gedanken zur Energieversorgung von morgen nach vorne zu schauen. Faszinierend an der Fusionsforschung sind die herausfordernden Technologien, die zur Umsetzung entwickelt werden müssen und in internationalen Zusammenarbeiten, wie im größten internationalen Projekt auf Erden, ITER, realisiert werden.
Torsten Hölscher: Weil hier ein Ort auf ein Thema trifft, das kaum passender sein könnte: Das Kraftwerk Zschornewitz war einst eines der größten Braunkohlekraftwerke Europas und ein Symbol für die Energieversorgung des 20. Jahrhunderts. Genau an diesem Ort über die Energie von morgen zu sprechen, schließt einen Kreis – von der Kohle, die Mitteldeutschland über ein Jahrhundert geprägt hat, hin zu den Materialien, die die nächste Generation der Energiegewinnung tragen werden. Die Gäste bekommen einen ehrlichen, unaufgeregten Einblick in echte Forschung: was heute schon funktioniert, wo die technischen Grenzen liegen und was in den nächsten Jahren realistisch auf unsere Dächer, Fassaden und Straßen kommt. Sie erleben dies in Gegenwart eines Industriedenkmals, das selbst Geschichte und Zukunft der Energie in Mitteldeutschland verkörpert.
Forum Rathenau talks – Kohlenstoff neu denken: CO₂ als Rohstoff

Kohlenstoff ist ein zentraler Rohstoff von morgen: Wie kann dieses lebenswichtige Element klimafreundlich genutzt werden und in welchen Bereichen kommt es zum Einsatz? In dieser Podiumsdiskussion mit Impulsen aus Forschung und Praxis wird Kohlenstoff neu gedacht. Biobasierte Quellen, Recycling und innovative CO₂-Nutzung schaffen neue Potenziale für eine klimaneutrale Wirtschaft. Start-ups leisten hier einen wichtigen Beitrag. Moore werden als natürliche Kohlenstoffspeicher revitalisiert, Zucker als Baustoff entdeckt und Gebäude mit dem Konzept des zirkulären Bauens als Rohstofflager verstanden.
Moderiert von Julius Neumann diskutieren die Expert:innen Martin Wiesner, Bas Spanjers und Sophie Riedel über CO₂ als Rohstoff in der Schaltwarte des Kraftwerk Zschornewitz am Samstag, 19. September um 12 Uhr.
Im Kurzinterview geben Martin Wiesner und Bas Spanjers vorab erste Einblicke zur stofflichen Nutzung von CO₂ und was Moore leisten können.
Martin Wiesner ist Gastprofessor für Nachhaltiges Design, Lehrkraft für besondere Aufgaben, Projektkoordinator Reallabor Zekiwa (Zeitz). Er verbindet ingenieurwissenschaftliche Konstruktionskompetenz mit gestalterischer Praxis und Designforschung, mit Schwerpunkt auf nachhaltiger Produktgestaltung. An der Hochschule Anhalt ist er Lehrkraft für besondere Aufgaben und koordiniert als Gastprofessor das im Rahmen des Neuen Europäischen Bauhauses geförderte Reallabor „Zekiwa“ in Zeitz.
Sophie Riedel ist Diplom-Chemikerin und absolvierte ihr Studium an der TU Bergakademie Freiberg. Als Mitgründerin des Chemie-Startups CYNiO, einem Spin-off der Universität, ist sie heute als Chief Operating Officer (COO) tätig.
In ihrer Funktion verantwortet sie den operativen Bereich des Unternehmens. Zu ihren Aufgaben zählen insbesondere die Produktionsplanung und -steuerung, die Skalierung chemischer Prozesse vom Labor in die industrielle Fertigung, die Abstimmung mit externen Produktionspartnern (CDMOs) sowie regulatorische Themen wie Genehmigungen und Arbeitsschutz. Ihr Schwerpunkt liegt darauf, innovative chemische Prozesse effizient, sicher und wirtschaftlich in die industrielle Anwendung zu überführen.
Bas Spanjers ist Wissenschaftler an der Universität Greifswald (Partner im Greifswald Moor Centrum). Im Projekt PaludiZentrale koordiniert er Aktivitäten zur Verwertung und Vermarktung von Paludikultur-Biomasse. Sein Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung von Wertschöpfungsketten, Marktzugängen und innovativen Produkten, die Moor- und Klimaschutz mit wirtschaftlicher Nutzung verbinden.
Wie kann CO₂ bei Ihrer Arbeit oder Forschung als Rohstoff genutzt werden?
Martin Wiesner: Mein Team und ich arbeiten an zwei parallelen Versuchsansätzen: Im ersten untersuchen wir, ob Betonbruch durch gezielte CO₂-Einwirkung dieses aufnehmen und dauerhaft speichern kann. Das Calciumhydroxid im Beton reagiert dabei mit CO₂ zu Calciumcarbonat – das Material wird dadurch noch steinharter, und das CO₂ ist chemisch fest in der Materialstruktur gebunden. Im zweiten Ansatz pressen wir landwirtschaftliche Reststoffe wie Weizenspreu zu Platten. Auch hier steckt CO₂ im Material: Weizen entzieht der Atmosphäre während des Wachstums CO₂ – wird dieser Reststoff nun statt zu verrotten in ein langlebiges Produkt überführt, bleibt das CO₂ gespeichert. Beide Experimente fließen direkt in die Materialdatenbank des Reallabors ZEKIWA Zeitz ein, die wir als Team entwickeln und betreiben. Sie macht Sekundärmaterialien aus der Region zugänglich, zeigt Materialinnovationen verschiedener Forschender, präsentiert konkrete Projekte aus nachhaltigen Materialien und vernetzt Akteure der Kreislaufwirtschaft für regionale Zusammenarbeit.
Sophie Riedel: Wir nutzen CO₂ direkt als Rohstoff für die Herstellung unserer Chemikalien, konkret für Isocyanate. Dabei wird das CO₂ nicht nur zwischengespeichert, sondern in unserem chemischen Prozess tatsächlich chemisch fest in das Molekül eingebaut. CO₂ wird damit vom vermeintlichen „Abfallstoff“ zum Ausgangsstoff für einen industriell relevanten Rohstoff.
Bas Spanjers: In unserer Arbeit mit Paludikultur wird CO₂ nicht direkt als industrieller Rohstoff eingesetzt. Pflanzen wie Schilf oder Rohrkolben nehmen während ihres Wachstums CO₂ aus der Atmosphäre auf und wandeln den Kohlenstoff in Biomasse um. Diese Biomasse kann anschließend beispielsweise für Bau- und Dämmstoffe, Papier, Verpackungen oder Pflanzenkohle genutzt werden.
Welchen Beitrag leisten Sie dazu?
Martin Wiesner: Unser Team bringt zwei Ebenen zusammen: die experimentelle und die gestalterische. Auf der einen Seite bauen wir niedrigschwellige, reproduzierbare Versuchsaufbauten – mit CO₂-Kammer, Arduino und Sensoren – und erzeugen so reale Messdaten zur CO₂-Bindung in Materialien. Auf der anderen Seite agieren wir als UX- und Service-Designer und Entwickler, um mit der Materialdatenbank etwas wirklich Nutzungsfreundliches zu schaffen: eine Plattform, die Forschung nicht im Labor lässt, sondern sie für die Region zugänglich und anwendbar macht. Wer in der Region mit nachhaltigen Materialien arbeitet, forscht oder baut – findet hier Inspiration, Partner und konkrete Umsetzungsmöglichkeiten.
Sophie Riedel: In meiner Rolle als COO bin ich für die Produktion und Skalierung unserer Technologie verantwortlich. Dazu gehört auch, dass wir uns regelmäßig mit der Frage beschäftigen, woher unser CO₂ langfristig kommen kann. Wir evaluieren verschiedene CO₂-Quellen und Lieferanten. Unsere langfristige Vision ist, CO₂ möglichst direkt aus der Atmosphäre oder als Abfall-CO₂ aus anderen Industrieprozessen für die Synthese unserer Chemikalien zu nutzen. So wollen wir nicht nur einen fossilen Rohstoff ersetzen, sondern Kohlenstoff möglichst im Kreislauf halten.
Bas Spanjers: Ich beschäftige mich beim Greifswald Moor Centrum vor allem damit, wie aus Paludikultur-Biomasse funktionierende Wertschöpfungsketten und marktfähige Produkte entstehen können. Dazu bringen wir Landwirtschaft, Hersteller, Forschung und potenzielle Anwender zusammen und arbeiten daran, neue Produkte und Märkte für Biomasse aus wiedervernässten Mooren zu erschließen.
Was sind die Vorteile der Nutzung von CO₂ als Rohstoff im Vergleich zu anderen Rohstoffen?
Martin Wiesner: CO₂ ist der Rohstoff, den auf den ersten Blick niemand haben will – und genau das macht ihn so interessant. Das Material profitiert, und CO₂ landet nicht wieder in der Atmosphäre, sondern wird dauerhaft mineralisiert. Genau diese Kombination macht uns hochmotiviert, CO₂ konsequent stofflich zu nutzen. Im Vergleich zu klassischen Rohstoffen wie frischem Zement oder petrochemischen Bindemitteln entstehen keine neuen Abbaulasten – stattdessen werden vorhandene Ressourcen, ob Betonbruch oder Weizenspreu, mit einem „Abfallgas“ veredelt. Das ist Kreislaufwirtschaft in ihrer direktesten Form.
Sophie Riedel: Heute werden Isocyanate industriell überwiegend mit Phosgen hergestellt – einem hochtoxischen und sehr reaktiven Gas. Entsprechend aufwendig sind die Sicherheitsanforderungen und die dafür notwendige Infrastruktur. Unser Ansatz nutzt stattdessen CO₂ als Kohlenstoffquelle und kommt ohne Phosgen aus. Das eröffnet die Möglichkeit, Isocyanate mit einem deutlich anderen Sicherheitsprofil herzustellen und gleichzeitig CO₂ als Rohstoff zu nutzen. Besonders spannend finde ich dabei: Wir versuchen nicht einfach, CO₂ irgendwo zu speichern, sondern machen daraus einen wertvollen chemischen Rohstoff. Und in unserem Prozess entsteht dabei ein vergleichsweise unkritisches Nebenprodukt.
Bas Spanjers: Bei Paludikultur sprechen wir von einer fünffachen Klimaleistung: Nachwachsende Rohstoffe ersetzen fossile und mineralische Rohstoffe. Durch die Wiedervernässung wird der weitere Abbau des über Jahrtausende im Moor gespeicherten Torfs gebremst, während die wachsenden Pflanzen gleichzeitig CO₂ aufnehmen. Kohlenstoff wird in langlebigen Produkten gebunden und kann durch neue Torfbildung langfristig gespeichert werden. Gleichzeitig ermöglichen regionale Wertschöpfungsketten kürzere Transportwege und damit zusätzliche Emissionseinsparungen.
Weshalb sollten Gäste zum Talk kommen?
Martin Wiesner: Weil hier Forschung anfassbar wird: sichtbare stoffliche CO₂-Speicherung wird transparent gezeigt. Wir vollbringen keine Wunder – sondern leisten ehrliche Beiträge zu einer größeren Frage und tragen zur Vernetzung bei. CO₂ kennen wir als Emission – wir wollen es auf die Ressourcenseite bringen. Wo es entsteht oder vorhanden ist, spricht alles dafür, es stofflich zu nutzen. Genau das erproben wir gemeinsam mit Partnern aus der Region: in zwei Versuchsaufbauten, auf einer lebendigen Plattform mit Sekundärmaterialien aus der Region, Innovationen mehrerer Forschender und konkreten Projekten, die Menschen der Kreislaufwirtschaft miteinander verbinden. Das Kraftwerk Zschornewitz als Industriedenkmal macht diese Frage greifbar – hier, wo CO₂-Geschichte buchstäblich in den Wänden steckt, lohnt es sich, gemeinsam zu fragen, was stofflich noch möglich ist.
Sophie Riedel: Über CO₂ hört man häufig vor allem: Wir müssen die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre senken. Das ist natürlich wichtig – aber die Frage ist auch: Was können wir mit dem Kohlenstoff machen, der bereits da ist? Genau darum geht es bei dem Talk: Welche Konzepte gibt es, CO₂ als Rohstoff zu nutzen? Wo liegen die Chancen, aber auch die Grenzen? Und wie können unterschiedliche Industrien und Technologien dazu beitragen? Ich finde es besonders spannend, mit anderen Teilnehmern zusammenzukommen und unterschiedliche Perspektiven auf dieses Thema kennenzulernen. Ich bin selbst gespannt auf die Diskussion – und genau deshalb freue ich mich auf den Talk.
Bas Spanjers: Weil wir Kohlenstoff nicht nur als Problem betrachten sollten, sondern auch darüber sprechen müssen, wie wir ihn zukünftig sinnvoll im Kreislauf führen und nutzen können. Besonders spannend finde ich dabei die Frage, wie aus Klimaschutz ganz konkrete neue Materialien, Produkte und regionale Wertschöpfung entstehen können.
Alle Infos zum Programm des Festival OSTEN, das im Kraftwerk Zschornewitz stattfindet, finden Sie auf osten-festival.de und hier auf unserer Website: