
Bei strahlendem Sonnenschein fand am 26. September um 15 Uhr die letzte Veranstaltung des dreiwöchigen Festivals OSTEN im Kraftwerk Zschornewitz statt, zu der das Forum Rathenau e. V. als Kooperationspartner eingeladen hatte. Leo Kamps, Leitung der DenkWerkstatt des Forum Rathenau, sprach mit Vorstandsmitgliedern des Vereins – Enrico Schilling, Bürgermeister von Gräfenhainichen, Patrice Heine, Geschäftsführer des Chemieparks Bitterfeld-Wolfen, Martina Schön, ehemalige Kraftwerksmitarbeiterin und Ortsbürgermeisterin a. D. von Zschornewitz, sowie dem Projektleiter Thies Schröder über die Zukunft des Kraftwerks im „Atelier für gegenseitiges Interesse“ vor rund fünfzig Personen im Publikum.
Fünf Tage an drei Wochenenden ließ das Festival OSTEN das Kraftwerk in neuem Licht erscheinen. Es war eine gelungene und komplementäre Mischung der unterschiedlichen Perspektiven und Auseinandersetzungen mit Künstler:innen, Forscher:innen, aber auch Zeitzeug:innen wie den Kraftwerkssenior:innen gewesen, fasste Leo Kamps zusammen. Die Gesprächsrunde knüpfte an das diesjährige Motto „Kraftwerk Zukunft“ an. Gefragt wurde nun, wie es nach dem Festival mit dem Kraftwerk weitergeht.

Vorab hatten Besucher:innen am Stand des Forum Rathenau auf bunt ausgemalten „Zukunftspostkarten“ ihre Wünsche und Ideen für die Zukunft des Kraftwerks festgehalten. Es gab träumerische Szenen von Drachen und einer Reise zum Mond bis zu Radschnellwegen, Gewächshaus, Gemeinschaftsräumen und einem vorsichtig formulierten Wunsch: „Sauna?“ „Träumen ist erlaubt“, sagte Kamps bei der Veranstaltung.
Geschichte trifft Gegenwart trifft Zukunft
„Glück auf“, grüßte Bürgermeister Enrico Schilling und erklärte, dass fast die gesamte Landschaft um das Kraftwerk herum menschengemacht ist. Verfüllte Braunkohlegruben, Seen, jede Erhebung habe mit der Kohleverstromung zu tun. Das Denkmalensemble des Kraftwerks sei tief mit Zschornewitz verwurzelt. Mit der Kraftwerkssiedlung habe man gute Wohnverhältnisse geschaffen, nah an der Arbeitsstelle – ein starker Identifikationspunkt. „Das ist natürlich auch das, was sich in den Köpfen der Zschornewitzer verankert hat und was Heimat ist“, sagte Enrico Schilling.
Großes Anliegen der Stadt und der Kraftwerkssenior:innen ist es, das Kraftwerk wieder öffentlich zugänglich zu machen. Es war 2015 nach der 100-Jahr-Feier geschlossen worden. Seit 2020 engagiert sich das Forum Rathenau für die Öffnung des Kraftwerks als Begegnungsort für Transformation und hat es seither schrittweise wieder öffnen können, was mit dem Festival OSTEN einen ersten Höhepunkt erreicht hat, so Schilling.

Martina Schön, ehemalige Mitarbeiterin im Kraftwerk und langjährige Ortsbürgermeisterin, erzählte von der Willenskraft, die in den Erhalt des Industriedenkmals geflossen ist. Dem Einsatz der Kraftwerkssenior:innen sei es zu verdanken, dass das Ensemble heute noch so erhalten geblieben ist. „Es gab auch manchmal Zeiten, da waren wir ein bisschen deprimiert und haben gedacht, es geht nicht weiter“, sagte Schön. Zschornewitz sei aber kein sterbender Ort geworden. Und dass der Ort eine Perspektive hat, sei ganz wichtig, denn Kraftwerk und Ort sind eng verbunden.
Fast 50 Hektar mit „besten Voraussetzungen“
Aktuell hat die Stadt eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, um die wirtschaftliche Entwicklung der großen Flächen rund um das Industriedenkmal voranzubringen, berichtete Enrico Schilling. „Inzwischen ist von Seiten der Stadt die Idee gewachsen, nicht nur dem Denkmalensemble wieder neues Leben einzuhauchen, sondern dieser gesamten Fläche“, sagte er. Fast 50 Hektar Fläche, in weiten Teilen reaktivierbar und mit „besten Voraussetzungen“ für Gewerbe und Industrie, führte Schilling aus: „Wenn man ein Stück weiter nach da hinten guckt, sieht man Imerys Fused Minerals mit einer 110-kV-Leitung. Es gibt hier die alte Grubenbahn, die noch Anschluss an das deutsche Bahnnetz hat – ich glaube, das ist für die Stadt eine ganz, ganz große Chance, die wir nutzen möchten.“ Es seien aber auch umwelt- und emissionsrechtliche Sachverhalte zu beachten, die früher noch keine Rolle gespielt haben. So sei etwa die früher allgegenwärtige Tätigkeit des Hufschmieds innerhalb bebauter Ortslagen heute nicht mehr zulässig. Altlasten, Flächenzuschnitte und Nutzungsmöglichkeiten würden in der Machbarkeitsstudie geprüft.

Angestrebt sei, so Schilling, ein zügiger Kauf des Kraftwerksgeländes. Die städtische Tochtergesellschaft FERROPOLIS GmbH mit ihrer Ferropolis Stiftung Industriekultur gGmbH habe die Kompetenzen, die industriekulturellen Denkmäler zu betreiben und zu erhalten. Es sei eine „kombinierte Aufgabe zwischen Bewahren und Erhalten und auch gleichzeitig eine Entwicklung zu ermöglichen“, sagte Schilling.
Erhalten durch Nutzung
„Solche industriekulturellen Orte erhalten sich nicht, wenn man sie nicht nutzt“, sagte Thies Schröder, Projektleiter des Forum Rathenau und zugleich Geschäftsführer von Ferropolis. Um unabhängig von Etats des Landes und der Kommune Orte wie das Kraftwerk Zschornewitz zu bewirtschaften, reiche es nicht, „einfach nur ein Schild vorne dran zu machen und zu hoffen, dass Menschen vorbeikommen“. An diesem bedeutenden Ort der Wirtschafts- und Energiegeschichte brauche es eine Nutzung, die es ermöglicht, das historische Erbe zu erhalten und in die Zukunft zu vermitteln. Vom ursprünglichen Gebäudebestand des Kraftwerks sind noch etwa zehn Prozent erhalten. Der Rest ist in den Neunzigern abgebaut worden: „Der Verlust war schmerzlich“, sagte Schröder. Aus heutiger Sicht erleichtere er aber den Erhalt des Ensembles aus Maschinenhaus, Schaltwarte, 110-kV-Station und Verwaltungsgebäude. Anhand des bedeutsamen Kerns des Denkmals lasse sich Energiegeschichte wunderbar erzählen.

Es liege nahe, sich an diesem Ort mit den möglichen Zukünften der postfossilen Kohlenstoffnutzung zu befassen. Das Kraftwerk ist gebaut worden, um die Stickstoffwerke in Wittenberg-Piesteritz mit Strom zu versorgen, und liegt in unmittelbarer Nähe des Mitteldeutschen Chemiedreiecks mit den Standorten Bitterfeld-Wolfen, Leuna und Merseburg. Thema des Forum Rathenau ist die Zukunft der Kohlenstoffkreislaufwirtschaft, in der die Nutzung von Kohlenstoff nicht mehr linear von fossilen Quellen zum CO2 in der Atmosphäre verläuft, sondern im Kreislauf funktioniert. Im ehemaligen Kraftwerk solle jungen und alten Unternehmen ein Angebot gemacht werden, diese neuen Kohlenstoff-Techniken auszuprobieren, um die nachhaltige Transformation der Chemieindustrie in Mitteldeutschland zu fördern, sagte Thies Schröder.
Eine Brücke über das „Tal des Todes“
Das „Tal des Todes“ ist in der Innovations- und Entrepreneurship-Branche ein bekanntes Phänomen: „Man ist noch dabei, die eigene technologische Innovation zu entwickeln und Kunden zu finden und muss gleichzeitig Labore und Produktion ausbauen“, sagte Schröder. Unternehmen in der Transformation und Start-ups in dieser Phase könnten ins Kraftwerk einziehen, wenn sie über das Labor hinauswachsen und etwa eine 100- oder 500-Quadratmeter-Halle bespielen. Bevor diese Unternehmen in die Produktion für den Weltmarkt gehen, etwa in Bitterfeld-Wolfen, könnte das Kraftwerk eine Brücke über das Tal des Todes bauen: „Diese Keimzelle könnte an diesem Standort sein, und zwar auch nachbarschaftsverträglich“, so Schröder. Das betonte auch Martina Schön: Es gelte, Konflikte zu vermeiden, damit neue Nutzungen den Ort nicht stören.
„Mit dem Verantwortungsgefühl, das die Kommune hat, und mit dem Ideenreichtum, der hier aus der Region entsteht, haben wir sehr gute Chancen, diesen Standort tatsächlich langfristig als Zeitzeugnis des fossilen Zeitalters zu erhalten, um genau an diesem Ort über das postfossile Zeitalter, also über die Zukunft, die Kohlenstoffkreislaufwirtschaft, nicht nur nachzudenken, sondern ganz konkret mit innovativen Unternehmen Schritt für Schritt dieses Gelände wieder zu aktivieren.“
Thies Schröder, Projektleiter Forum Rathenau e. V.
Neue Chemie braucht neue Köpfe
Die Geschichte Zschornewitz’ ist eng mit der Chemieindustrie verbunden. „Die Chemieindustrie steht vor großen Herausforderungen“, sagte Patrice Heine, Geschäftsführer des Chemieparks Bitterfeld-Wolfen. Die Transformation hin zu einer Kreislaufchemie, die auch auf einem nachhaltigen Umgang mit Kohlenstoff aufbaut, brauche vor allen Dingen neue Denkansätze. In einer CO2-neutralen Chemie müsse man die Dinge anders machen, und das gehe am einfachsten in neuen Unternehmen, die unvoreingenommen auf die Herausforderungen blicken. Der Ort solle eine Einladung sein für alle, die die Geschichte weiterschreiben wollen und ein Interesse an der Transformation zu einer umweltfreundlichen Chemie zum Wohle der Menschheit haben.

Auf die Frage aus dem Publikum, ob die Fachkräfte, die für die Vision eines Venture Hubs im Kraftwerk Zschornewitz notwendig wären, in der Region zu finden sind, hob Bürgermeister Schilling gute Lebensbedingungen, Betreuungsangebote und neu zu erschließende Grundstücke in Seelage hervor. Dank ICE-Anschluss in Wittenberg nach Berlin und S-Bahn nach Leipzig seien bereits Menschen in die Region gezogen, die hier mit drei Tagen Homeoffice pro Woche deutlich angenehmer wohnten als in der Großstadt. Derzeit wachse die Stadt.
Patrice Heine ergänzte, dass historisch die Fachkräfte den guten Arbeitsplätzen gefolgt sind. Auch hätten Förderprogramme Industrien langfristig gesichert. So sei die Zukunft des Chemieparks Bitterfeld-Wolfen nach der Wende durch einen politischen Beschluss und die folgenden Investitionen ermöglicht worden. Die Betriebe seien wegen der guten Bedingungen geblieben. Aktuell und in Zukunft stehe man vor der globalen Herausforderung der nachhaltigen Transformation, für die man wieder Unterstützung brauche. „Aber man wird ein Stück weit sein Schicksal selbst in die Hand nehmen müssen. Die Menschen sind das Zünglein an der Waage und dazu gehört eine gute Portion Zuversicht. Und das ist, was Zschornewitz ausstrahlen soll“, sagte Heine.

Zschornewitz in zehn Jahren
Zum Abschluss skizzierten die Gäste ihre Zukunftsbilder. Für die nahe Zukunft wünschte sich Martina Schön, dass das 110-kV-Schalthaus und das Verwaltungsgebäude wieder zugänglich gemacht werden und sich auf der Wiese Start-ups ansiedeln, die das Thema Kohlenstoff weiterdenken. Enrico Schilling sprach von Zschornewitz und dem Kraftwerksgelände als einer liebenswerten Heimat für viele Menschen mit Raum zur Entfaltung und dem Mut, Chancen zu ergreifen, und von einem wilden Gewusel junger, engagierter Menschen auf dem Gelände, die an der Kohlenstoffkreislaufwirtschaft arbeiten. Patrice Heine zeigte sich überzeugt, dass in zehn Jahren rund 25 Start-ups, etwa als Ausgründungen des Großforschungszentrums Center for the Transformation of Chemistry (CTC), auf dem Kraftwerksgelände arbeiten würden.
Thies Schröder sprach von kreiselstabilisierten Pods, die auf den Schienen zwischen Kraftwerk und dem ehemaligen Tagebau FERROPOLIS gleichzeitig in beide Richtungen fahren können. Am Ort werde nicht nur die Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählt, sondern auch die des 21. Jahrhunderts: der Übergang des fossilen ins postfossile Zeitalter werde fortgeschrieben. Bildungs- und Kulturangebote sollten sich vor Ort mit dem Anthropozän auseinandersetzen und es vermitteln. Beflügelt von den Eindrücken des Festivals OSTEN, sagte er: „Die Unternehmen, die dann hier angesiedelt sind, werden von diesem Geist nicht nur angesteckt sein, sondern ihn bereichern.“



