
Mit dem Titel„Quo vadis CMS-Strategie Sachsen-Anhalt?“ wurde am Donnerstag, 26. Februar 2026 beim CarbonCycleCultureClub (C4) von 18 bis etwa 21 Uhr in den Räumlichkeiten des H2O Turmpark e.V. in Magdeburg die Zukunft der Kohlenstoffkreislaufwirtschaft im Mitteldeutschen Revier diskutiert.
Zu Gast beim Vorstandsvorsitzenden des Forum Rathenau Professor Ralf Wehrspohn, der den CarbonCycleCultureClub (C4) moderierte, waren:
- Christoph Zeiss, Senior Researcher am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie und Hauptautor der Basisstudie „Strukturwandel: Kohlenstoffbasierte Industrien in Mitteldeutschland auf dem Weg in neue Märkte – Schwerpunkt wirtschaftliche Ausgangslage und Entwicklungspotenziale”
- Stefanie Pötzsch, Staatssekretärin im Ministerium für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten des Landes Sachsen-Anhalt
- Dr. Steffen Eichner, Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt des Landes Sachsen-Anhalt
- Carsten Franzke, Vorstand des Forum Rathenau und Geschäftsführer der SKW Stickstoffwerke Piesteritz GmbH
- Dr. Markus Lorenz, Manager Expert Climate & Energy bei Südzucker in Zeitz
Der CarbonCycleCultureClub (C4) im Live-Mitschnitt
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Mehr InformationenViel Beteiligung zu Positionspapier zu Carbon-Management-Strategie des Landes Sachsen-Anhalt
Stefanie Pötzsch und Dr. Steffen Eichner berichteten vom Stakeholder-Meeting am Nachmittag zum Positionspapier zur Carbon-Management-Strategie des Landes, zu dem beide Ministerien eingeladen hatten. Stefanie Pötzsch sah das Land auf einem guten Weg. Beide freuten sich über die Beteiligung vieler Interessierter und Dr. Steffen Eichner hob die breit angelegte Diskussion zum Thema hervor.

Carbon-Management-Strategie von Nachfolgeregierung in NRW weitergeführt
Bezüglich der Carbon-Management-Strategie ist das Land Nordrhein-Westfalen schon einen Schritt weiter: Christoph Zeiss erläuterte sehr ansprechend den Prozess, der zu einer Carbon-Management-Strategie Nordrhein-Westfalens geführt hatte. Zentrale Unternehmen und die Forschung waren hier gleich zu Beginn beteiligt worden. Zwei Begriffe charakterisierten daher die Vorgehensweise, die dazu geführt hat, dass im Jahr 2021 eine solche Strategie in dem Bundesland, das ebenfalls stark von Transformationsprozessen betroffen ist, verabschiedet worden ist. Laut Christoph Zeiss waren dies: Konstanz und Institutionalisierung. Zeiss sagte: „Konstanz zeigt sich darin, dass diese Carbon-Management-Strategie 2021 von einer Landesregierung entworfen und nach der Landtagswahl von einer Nachfolgeregierung mit anderer parteipolitischer Ausrichtung fortgeführt wurde.“ Grund dafür sei die sehr enge Abstimmung mit der Industrie auf Basis wissenschaftlicher Grundlagen und die gute Institutionalisierung des Prozesses gewesen. Er zeigte außerdem, wie die Themen konstruktiv mit zentralen Akteuren, die sich beteiligen wollen, diskutiert wurden. Aus dem Prozess entstehen seitdem laufend Papiere, die an die Bundesebene und EU-Ebene getragen werden.
CCU für Wertschöpfungsketten auf Basis von CO₂
Carsten Franzke nahm den Ball auf und betonte eindringlich, welchen wertvollen Beitrag Kohlenstoffkreislaufwirtschaft zum Erreichen von Klimaneutralität leisten kann, ohne den Wohlstand zu gefährden oder Deutschland als Industriestandort in Frage zu stellen. Carsten Franzke sagte: „Kohlenstoffkreislaufwirtschaft ist eine entscheidende Lösung für den Klimaschutz.“ CCU, die Speicherung von CO₂ (Kohlenstoffdioxid) und die (spätere) Nutzung, sei deshalb eine Zwischenlösung auf dem Weg in eine klimaneutrale Wirtschaft. Er ergänzte: „CO₂ ist Grundlage für unser Leben und Rohstoff für unsere Wertschöpfungsketten.“

Biogener Kohlenstoff für Defossilisierung
Eine zusätzliche Perspektive brachte Dr. Markus Lorenz ein. Er gab einen hervorragenden Überblick, wie biogener Kohlenstoff ein Schlüssel für die Carbon-Management-Strategie sein kann: „Im Rahmen der Klimaneutralitätsstrategie der Industrie ist beim Defossilisierungsprozess weiterhin die Nutzung von Kohlenstoff erlaubt (beispielsweise in Kunststoffen oder E-Methanol), solange dieser nicht aus fossilen Quellen (Erdöl/Gas), sondern aus Biomasse oder der Luft (Direct Air Capture) stammt. Die Technologien wie BECCU (Bioenergy with Carbon Capture and Utilization) und BECCS (Bioenergy with Carbon Capture and Storage) sind dabei essenziell, um Net-Zero- oder sogar negative Emissionen zu erreichen.“
Vorreiterrolle Sachsen-Anhalts für Kohlenstoffkreislaufwirtschaft angestrebt
Staatssekretärin Stefanie Pötzsch sprach sich mit Blick auf Sachsen-Anhalt für ein pragmatisches wirtschaftsnahes und wettbewerbsfähiges Carbon Management in Sachsen-Anhalt aus. Sie sagte: „Die Veranstaltung hat deutlich gemacht: Der Wirtschaftsstandort Sachsen-Anhalt steht vor der anspruchsvollen Aufgabe, ehrgeizige Klimaziele mit dem Erhalt und dem weiteren Ausbau unserer industriellen Wertschöpfung in Einklang zu bringen. Gerade als industriell geprägtes Bundesland wissen wir, dass es Branchen gibt – etwa in der Zement-, Kalk- oder Chemieindustrie –, in denen sich Emissionen nicht oder nur schwer vermeiden lassen. Darüber hinaus benötigt die Chemieindustrie Kohlenstoff als Rohstoff, und die CO2-Speicherung bietet die Möglichkeit von Negativemissionen. Carbon Management wird daher mitentscheidend für Klimaschutz und Wertschöpfung sein. Ich bin davon überzeugt, das Mitteldeutsche Revier hat das Potenzial, sich zu einer Vorreiterregion für eine moderne Kohlenstoffkreislaufwirtschaft zu entwickeln.“
Direkte Senkung von CO2-Emissionen hat Priorität
Die Wichtigkeit des Dialogs betonte Staatssekretär Dr. Steffen Eichner. Er sagte: „Der Weg zur Klimaneutralität beinhaltet für Unternehmen in Sachsen-Anhalt Herausforderungen und Chancen. Priorität sollten dabei zunächst Maßnahmen zur direkten Senkung von CO2-Emissionen haben, sei es durch die Elektrifizierung von Prozessen oder den Umstieg von fossilen auf regenerative Energieträger. Für übrige, unvermeidbare Emissionen sind Technologien zum Carbon-Management wie CCS und CCU eine wichtige Option, um Arbeitsplätze in unserem Bundesland zu erhalten. Daher haben das Umwelt- und das Wirtschaftsministerium frühzeitig den Dialog mit Stakeholdern im Land gesucht, um ein abgestimmtes Positionspapier der Landesregierung zu CCS/CCU in Sachsen-Anhalt zu erarbeiten. Auf dieser Basis bringt sich unser Bundesland in die politischen Prozesse in der EU und beim Bund ein.“


Hintergründe der Diskussion zur Carbon-Management-Strategie in Sachsen-Anhalt
Carbon Capture and Utilization und Carbon Capture and Storage
Umwelt- und ressourcenschonende Technologien, Produkte und Dienstleistungen sind der Schlüssel zu einer nachhaltigen Wirtschaft. Ein zentraler Aspekt dabei ist das Erreichen von Klimaneutralität. Innovative Ansätze wie Carbon Capture and Utilization, also Kohlendioxid-Abscheidung und -Nutzung (CCU) und Carbon Capture and Storage, also Kohlendioxid-Abscheidung und -Speicherung (CCS) tragen dazu bei, diese zu erreichen.
Bis zum Jahr 2045 hat sich Deutschland das Ziel gesetzt, Netto-Treibhausgasneutralität zu erreichen. Nach dem Jahr 2050 sollen negative Treibhausgasemissionen erreicht werden. Die Emissionen sollen bis zum Jahr 2030 um mindestens 65 Prozent und bis zum Jahr 2040 um mindestens 88 Prozent gesenkt werden (gegenüber dem Jahr 1990).
Viele Unternehmen stellen derzeit ihre Produktionsverfahren, beispielsweise durch die Nutzung von regenerativen Energien, um. In einigen Sektoren der Industrie wie der Kalk- oder Zementindustrie, in Bereichen der Chemieindustrie und der Abfallverbrennung werden allerdings prozessbedingte schwer oder nicht vermeidbare CO₂-Emissionen bestehen bleiben. Entsprechend gehen Klimaneutralitätsstudien davon aus, dass schwer und nicht vermeidbare CO₂-Emissionen aus bestimmten Bereichen und Prozessen abgeschieden und anschließend genutzt (CCU) oder dauerhaft in tiefliegenden geologischen Gesteinsschichten gespeichert (CCS) werden müssen.

Die Technologien zur Abscheidung und anschließenden Nutzung und Speicherung von CO₂, die CCU- und CCS-Technologien, können künftig zusätzliche Bausteine für das Erreichen einer klimaneutralen Wirtschaft sein.
Zusätzlich steht inbesondere die chemische Industrie vor der Herausforderung, die fossil basierten Kohlenstoffe zu ersetzen oder die Stoffströme durch geschlossenen Kreislaufsysteme oder langfristige Bindung von Kohlenstoff klimaneutral zu gestalten.
Die Transformation hin zu einer emissionsarmen und kreislaufbasierten Wirtschaft bietet Deutschland und Europa aber auch zahlreiche wirtschaftliche Chancen, wie die Schaffung neuer Arbeitsplätze und eine Vorreiterrolle für nachhaltige Verfahren. Zudem kommt der Nutzung des Gases CO₂ als defossilisierter Rohstoff eine wachsende Bedeutung zu.
Welche wirtschaftlichen Chancen werden von Unternehmen gesehen, die bereits Carbon Capture and Utilization betreiben, abgesehen von der Einsparung von CO₂-Zertifikaten?
Welche neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten ergeben sich durch die Nutzung von biogenem CO₂? galt es beim C4 in Magdeburg zu diskutieren, so der Vorstandsvorsitzende des Forum Rathenau Professor Ralf Wehrspohn.
Die Bundesregierung und die Europäische Kommission haben mit Diskussionen unter anderem über Carbon-Management-Strategien (CMS) auf die Transformationsprozesse reagiert, die erforderlich sind, um Klimaneutralität zu erreichen. Auch auf Bundesländer-Ebene in Deutschland wurde bereits eine CMS-Strategie und ein entsprechendes Positionspapier entwickelt.
Die regionale Speicherung von CO₂ ist 50 bis 70 Prozent günstiger als der Export von CO₂ an die Küsten. Wie steht die Landesregierung zur regionalen Speicherung von CO₂? Was wären konkrete nächste Schritte, um dies in Sachsen-Anhalt zu ermöglichen?, war ein weiterer Fragenkomplex bei diesem C4.
Interview mit Christoph Zeiss zur Carbon-Management-Strategie (CMS-Strategie) des Landes Nordrhein-Westfalen

Foto: Wuppertal Institut
Aus unserer Sicht muss man sich das Gesamtbild der Kohlenstoffwirtschaft anschauen. Genau dort werden Synergien und Systemabhängigkeiten deutlich, bei denen man im Rückblick denkt: Hätten wir das früher berücksichtigt.
— Christoph Zeiss
Christoph Zeiss, Senior Researcher am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie und Hauptautor der Basisstudie „Strukturwandel: Kohlenstoffbasierte Industrien in Mitteldeutschland auf dem Weg in neue Märkte – Schwerpunkt wirtschaftliche Ausgangslage und Entwicklungspotenziale”, im Interview mit Forum-Rathenau-Redakteurin Simone Everts-Lang zur CMS-Strategie des Landes Nordrhein-Westfalen und möglichen Übertragungspunkten auf eine künftige CMS-Strategie des Landes Sachsen-Anhalt.
Frage: Welches waren die Erfolgsfaktoren, die in Nordrhein-Westfalen zu einer landeseigenen Carbon-Management-Strategie geführt haben?
Antwort Christoph Zeiss: Sicherlich ist die Kontinuität der Umsetzung ein entscheidender Faktor. Eine nicht zu unterschätzende Tatsache ist, dass die Carbon-Management-Strategie in Nordrhein-Westfalen seit 2021 trotz eines Regierungswechsels kontinuierlich verfolgt wird. Sie wurde unter einem FDP-Minister erarbeitet, und inzwischen wird das zuständige Ministerium von einer grünen Ministerin geführt. Dennoch hat die Landesregierung die Kraft gehabt, diese Strategie beizubehalten. Für die langfristige Umsetzung ist es entscheidend, sich an möglichst gemeinsamen übergeordneten Zielen zu orientieren. In Nordrhein-Westfalen waren diese Ziele offenbar so kompatibel, dass sie von verschiedenen Regierungsfarben getragen werden konnten. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die Strategie eng mit der Industrie abgestimmt wurde. Ein längerer Dialogprozess hatte bereits zuvor die Bedürfnisse und gemeinsamen Ziele von Industrie, Forschung und Politik abgeglichen. Neben dem Ziel der Klimaneutralität war dabei klar, dass auch die Strukturen und Arbeitsplätze der Chemieindustrie erhalten bleiben sollen.
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Aktuell gibt es beispielsweise einen neuen Chemie- und Raffineriepakt mit der chemischen Industrie und der IGBCE, der neue Akzente setzt. Die Grundübereinkunft, auf der dieser Pakt aufbaut, besteht jedoch bereits seit 2021 und wird kontinuierlich fortgeführt. Entscheidend für den Erfolg ist die Institutionalisierung dieser Prozesse gemeinsam mit der Industrie.
Dies erfolgt über die Initiative IN4climate.NRW, die seit acht Jahren kontinuierlich arbeitet und von wissenschaftlicher Begleitforschung, unter anderem im Projekt SCI4climate.NRW unterstützt wird, sodass Forschungsinhalte direkt in die Diskussionen einfließen. Für die regionale Umsetzung wurde zudem das Projekt IN4climate im Rheinischen Revier ins Leben gerufen, das seit vier Jahren läuft. Hier wird auch die Kohlenstoffwirtschaft als zentrales Thema behandelt, das Unternehmen im Rahmen des gesamten Transformationsprozesses begleitet und unterstützt.
Diese Institutionalisierung der Stakeholder, die fortlaufende gemeinsame Arbeit und der Austausch sind der entscheidende Erfolgsfaktor.
Frage: Nennen Sie doch mal ein paar Beispiele dieser Arbeitsweise.
Antwort Christoph Zeiss: Eine zentrale Methode besteht darin, sich nicht nur zu treffen, sondern gemeinsame Projekte anzugehen. Produkte dieser Zusammenarbeit sind zum Beispiel Stellungnahmen, die aus Wissenschaft, Unternehmen und unter Begleitung der Landesregierung erarbeitet werden. Auf diese Weise entstehen kontinuierlich Positionen und Anregungen zu aktuellen Themen der Industrietransformation, die auch nach Berlin und Brüssel kommuniziert werden.
Dazu gehören unter anderem Positionen zu negativen Emissionen (CDR), zur Finanzierung der CO₂-Infrastruktur oder zur Frage, wie die Kohlenstoffbedarfe der chemischen Industrie künftig gedeckt werden können. Ziel ist immer, herauszuarbeiten, welche Anforderungen sich im Rahmen der Transformation für die Industrie, die Landesregierung und die Bundesregierung ergeben. Welche Strukturen müssen geschaffen werden? Was muss aus Sicht der NRW-Industrie berücksichtigt werden?
Frage: Gab es da schon Ergebnisse in der Umsetzung bezüglich der erforderlichen Maßnahmen?
Antwort Christoph Zeiss: Sicherlich haben wir Einiges zur Diskussion um das Kohlendioxid-Speicherungsgesetz (KSpG) beigetragen, das jetzt nach all den Jahren endlich fertiggestellt wurde.
Frage: Auf Bundesebene…
Antwort Christoph Zeiss: Ja, die Diskussion lief ja im großen Diskussionspaket. Da war die Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena) ein zentraler Akteur, die im engen Austausch mit IN4climate.NRW, NRW.Energy4climate und den weiteren Akteuren in dem Cluster stand und steht. Natürlich haben da auch andere Bundesländer und andere Akteure mitgearbeitet, auch auf europäischer Ebene. Durch unsere Papiere und unsere Veranstaltungen in Berlin und Brüssel haben wir aber sehr sichtbar gemacht, welche Interessen die NRW-Industrie hat und welche Lösungsvorschläge es aus gemeinsamer Sicht gibt, um die Klimaschutzziele zu erreichen und die Wirtschaftskraft in NRW zu erhalten. Das ist ein ganz klares Beispiel, ein Weiteres ist die Diskussion zur Langfriststrategie Negativemissionen, die jetzt ja auch durch den Regierungswechsel in Berlin eine Weile lang brach lag. Dort haben wir versucht, mit unseren Papieren Impulse zu setzen, die möglichst in die entscheidungsrelevanten Zeiträume dieses Prozesses passen. Das sind alles Beispiele, wo wir natürlich nicht die einzigen Akteure auch in Berlin sind, aber mit der Wirtschaftskraft von NRW dahinter auch sehr gut gehört werden.
Frage: Gibt es ein Beispiel dafür, dass NRW als Bundesland schneller in der Umsetzung von CMS-Maßnahmen ist als andere Bundesländer aufgrund der CMS-Strategie?
Antwort Christoph Zeiss: Wir haben natürlich eine gute Ausgangsposition, wenn es darum geht, auch Bundesfördermittel zu bekommen. Es gab ja gerade den Förderaufruf Bundesförderung Industrie und Klimaschutz (BIK) – Förderung von CCU und CCS. Da gibt es viele Projekte aus NRW, die zum Zuge gekommen sind, allein vier aus dem Bereich CCU/CCS. Da geht es um CO₂-Abscheidung aus einem Zementwerk, aus Rauchgasen oder aus einem Steamcracker. Es gibt auch ein Projekt zu Mineralisierung von CO₂ in Metallurgieprozessen. Also auch eine ganz große Bandbreite von unterschiedlichen Ansätzen und unterschiedlichen Industrien. Wir haben mit Geseke auch eine Region mit großen Kalkvorkommen in NRW. Da sitzen große Zementhersteller, die Pilotprojekte zur CO₂-Abscheidung vorantreiben und einen Anschluss an CO₂-Pipelines brauchen. Die Heidelberg Materials Deutschland ist ja ein global tätiger Konzern, zusätzlich sind aber viele der Zementhersteller mittelständische Familienunternehmen, die dann aber trotzdem solche Investitionen stemmen und mit solchen Projekten dann auch vorangehen. Da hilft die Bundesförderung sehr.
Dann gibt auch noch ein eigenes Förderprojekt des Landes, die CCU-Modellregion. Da werden Beispielprojekte gefördert, bei denen der gesamte Kohlenstoffkreislauf dargestellt wird. Eines dieser Projekte begleiten wir als Wuppertal Institut direkt. Das Land NRW bietet hier konkret Förderungen an, die die Bundesförderung ergänzen und Impulse für innovative Prozesse im eigenen Bundesland geben.
Ansonsten haben wir uns in verschiedenen Runden schon frühzeitig Gedanken gemacht, wie eine CO₂-Infrastruktur aussehen soll und wie sich das Land NRW in der EU-Gesamtstruktur wiederfindet. Ich kann nicht sagen ob wir dabei schneller als andere Regionen sind, da ist ja gerade viel Bewegung. Wir sehen aber, dass die aktuell geplante CO₂-Infrastruktur die Notwendigkeiten abbildet, die wir in NRW haben. Wir haben das Thema sehr bewusst vorangetrieben und es auch geschafft, die Notwendigkeit eines schnellen Infrastrukturausbaus von NRW aus in den Bund zu tragen. Für die Zementindustrie sind die bisherigen Geschäftsmodelle in den nächsten Jahren schlicht nicht mehr tragfähig, weil keine Zertifikate mehr zur Verfügung stehen werden. Der Druck ist enorm – gleichzeitig ist es schwer, so etwas im regionalen Vergleich genau zu messen.
Frage: Sie haben ja schon das Wechselspiel bezüglich der CMS-Strategie des Landes NRW und der Eckpunkte der Carbon-Management-Strategie des Bundes skizziert. Welche Rolle spielen die Eckpunkte der Carbon Management-Strategie des Bundes und die Carbon-Management-Strategie der Europäischen Kommission?
Antwort Christoph Zeiss: Die grundlegenden Arbeiten für die Eckpunkte der CMS-Strategie des Bundes von 2024 sind sehr von der CMS-Strategie von NRW beeinflusst worden. Wir sehen sehr ähnliche Strukturen darin, einfach weil die CMS-Strategie des Landes NRW schon da war und das für die Wirtschaftskraft so ein wichtiges Bundesland ist. Allerdings befassten sich die Eckpunkte zur Bundes-CMS-Strategie vor allen Dingen mit CO₂. Es ging zentral um CO₂-Abscheidung, Transport und Speicherung. Die stofflichen Grundlagen, die ja für die Chemieindustrie, insbesondere die Petrochemie, besonders wichtig sind, wurden erstmal ausgeklammert. Das ist ein Thema, das wir aus Nordrhein-Westfalen kontinuierlich adressieren und klar sagen: Das muss mit dabei sein, denn die Unternehmen müssen ihre Kohlenstoffbedarfe klimaneutral beziehungsweise kreislauforientiert darstellen können. Auf den Punkt ist die Bundesebene bisher noch nicht aufgesprungen. Dort wird über Einzelthemen diskutiert, sei es Biomasse, Negative Emissionen oder Kreislaufwirtschaft. Aus unserer Sicht muss man sich das Gesamtbild der Kohlenstoffwirtschaft anschauen. Genau dort werden Synergien und Systemabhängigkeiten deutlich, bei denen man im Rückblick denkt: Hätten wir das früher berücksichtigt. Auf europäischer Ebene ist natürlich unser Einfluss geringer. Über die NRW-Landesvertretung in Brüssel platzieren wir gemeinsam mit IN4climate.NRW und NRW.Energy4Climate unsere Themen und erleben, dass sie auf großes Gehör stoßen. Regionen werden in Brüssel besonders aufmerksam wahrgenommen, weil sie eine direktere und breitere Perspektive einbringen als branchenspezifische Verbandspositionen. Sie verbinden politische Aussagen, laufende Transformationsprozesse und die Perspektive wirtschaftlich starker Unternehmen – mit entsprechender Ausstrahlungskraft bis nach Brüssel. Das war bislang sehr erfolgreich.
Gleichzeitig ist unser Beitrag auf europäischer Ebene begrenzt, weil die europäische Diskussion auf einem deutlich höheren Abstraktionsniveau geführt wird. Entsprechend reagieren wir vor allem und setzen an einzelnen Stellen gezielt Impulse.
Frage: Was würden Sie dem Land Sachsen-Anhalt im Hinblick auf eine landeseigene CMS-Strategie raten? Aus Ihrer Sicht?
Antwort Christoph Zeiss: Zunächst sind die Akteure, die damit zu tun haben, bereits im Gespräch – das ist schon einmal ein starkes Fundament. Auch das gemeinsame Bild, wie die Industrie weiterentwickelt werden kann, existiert bereits; das muss nicht neu generiert werden. Gleichzeitig kann es Unterschiede zwischen den Interessen des Landes und der Region geben. Daher ist es wichtig, diese spezifischen Interessen zu identifizieren: Was unterscheidet das Bundesland von anderen Ländern mit anderen Industrieschwerpunkten? Auf dieser Grundlage lässt sich überlegen, welche Punkte aktiv eingebracht werden sollten. Wenn das Land oder die Region diese Themen nicht selbst adressieren, wird es niemand anderes tun – weil sie schlicht nicht Teil der Interessen der anderen sind.
Es gibt viele Wege, das zu organisieren. Meiner Erfahrung nach ist es wichtig, einen Dreiklang zu haben: gemeinsame Positionen mit Beteiligung der Landesregierung, die Zustimmung der Industrie, dass es auch ihre Sicht widerspiegelt, und eine wissenschaftliche Begleitung, die zeigt, dass es nicht nur die Sicht einzelner ist, sondern ins Gesamtbild der Transformation passt. Nur so lässt sich sicherstellen, dass es auch in die Diskussionen auf Bundes- und EU-Ebene passt.
Mein zweiter Tipp ist, auf EU- und Bundesebene zu schauen, welche politischen Prozesse gerade laufen, und gezielt hineinzuspielen. Wann wird welches Thema behandelt? Genau dann kann man die eigenen Perspektiven einbringen – und das wird auch geschätzt, denn diese Impulse sind wichtig. Man kann nicht alles gleichzeitig begleiten. Aber an dem Punkt klar zu sagen: „Das ist unser Thema, da müssen wir rein“, das ist sehr effizient.
Alle Bundesländer haben Vertretungen in Berlin und in Brüssel, die viele unterschiedliche Themen abdecken müssen. Wir versuchen aus NRW heraus, diese Landes- und Bundesvertretungen mit Informationen zu versorgen und dafür zu sensibilisieren, bestimmte Prozesse zu beobachten, die für uns besonders relevant sind. So kann man die passenden Zeitfenster erkennen, um frühzeitig Impulse einzubringen.
Bei solchen politischen Prozessen – ich kenne das selbst aus meiner Zeit als Mitarbeiter im Bundestag – kommt oft die Aufforderung: „Ich brauche nächste Woche eine Position zu….“ Das funktioniert jedoch nicht so einfach mit Industrieunternehmen, denn gemeinsame Positionen müssen erst entwickelt werden: Vor- und Nachteile abwägen, unterschiedliche Ideen zusammenbringen. Selbst wenn man sich auf eine gemeinsame Position verständigt hat, muss diese noch durch die jeweiligen Institutionen laufen, bevor sie öffentlich getragen wird.
Deshalb braucht man ausreichend lange Laufzeiten für Abstimmungen. Eine Möglichkeit, damit strategisch umzugehen, besteht darin, in solchen Runden zunächst Grundsätze zu definieren. Auf dieser Basis lassen sich später ein oder zwei konkrete Forderungen leichter gemeinsam entwickeln, welche auf den Grundsätzen aufbauen. Im schnelllebigen politischen Geschäft ist das jedoch nicht immer einfach – es kann funktionieren, muss aber nicht.
CMS-Strategie des Bundes
Die Eckpunkte einer Carbon Management-Strategie des Bundes wurden am 29. Mai 2024 im Bundeskabinett beschlossen.
Sie stellten die politischen Maßgaben für den Umgang mit CCS/CCU der vorherigen Bundesregierung dar. Auch wenn die aktuelle Bundesregierung derzeit keine eigene Carbon Management Strategie erstellt, werden doch zentrale Instrumente aus diesen Eckpunkten weiterverfolgt und umgesetzt. Dazu gehört der weitere Ausbau der CCS-Infrastruktur und die Diskussion über eine Langfriststrategie Negativemissionen.
Das Kohlendioxid-Speicherungsgesetzes (KSpG)
Das am 28. November 2025 in Kraft getretene Gesetz zur Änderung des Kohlendioxid-Speicherungsgesetzes (KSpG) soll künftig die Abscheidung und Speicherung von CO₂ auch in großem Maßstab ermöglichen. Dies war vorher nicht zulässig. Das ist für die Abkehr von fossilen Brennstoffen in sehr energieintensiven Industrien eine wichtige technologische Möglichkeit, um Klimaneutralität zu erreichen.
Mit der Novelle schafft die Bundesregierung eine Grundlage, um diesen Branchen klimaneutrales und wettbewerbsfähiges Wirtschaften in Deutschland zu ermöglichen. Da der Aufbau von Transport- und Speicherinfrastrukturen zwischen sieben und zehn Jahre dauern kann, ist dies von großer Bedeutung. Die Infrastruktur muss bereits Anfang der 2030er Jahre fertig sein, damit die anvisierten Klimaziele erreicht werden können.
Nutzung von abgeschiedenem CO₂
Die Nutzung von abgeschiedenem CO₂ ist eine Möglichkeit, den Ausstoß von CO₂ aus industriellen Quellen zu verringern und gleichzeitig Kohlenstoffkreisläufe zu schließen. CO₂ als Kohlenstoffquelle wird eine wachsende Bedeutung in der chemischen Industrie zugerechnet; besonders wenn fossile Kohlenstoffquellen nicht mehr oder nur noch in geringem Umfang genutzt werden.
Negative Emissionen
Im Rahmen sogenannter negativer Emissionen wird der Atmosphäre CO₂ entzogen. Sie können entweder durch natürlichen Klimaschutz, wie beispielsweise der Erhöhung von Kohlenstoffvorräten im Wald oder Mooren oder mit Hilfe technischer Ansätze erreicht werden. Hier sind Verfahren zum direkten CO₂-Entzug aus der Luft (DACCS, engl. Direct Air Capture and CCS) oder der energetischen Biomassenutzung mit CCS (BECCS, engl. Bioenergy and CCS) von Bedeutung. Bei der BECCS-Technologie wird CO₂ aus der Verbrennung von Biomasse abgeschieden und anschließend im geologischen Untergrund dauerhaft gespeichert. Wichtig dabei ist, dass nachhaltig erzeugte Biomasse genutzt werden sollte, die aber nur begrenzt zur Verfügung steht.

Bisherige Anwendung von CCS und CCU
CCS und CCU werden bereits in anderen Ländern angewandt, so zum Beispiel in Norwegen.
Vor der norwegischen Küste ist nach Angaben des ausführenden Unternehmens Northern Lights im August 2025 die weltweit erste Anlage zur kommerziellen Einspeicherung von Industrie-CO₂ in Betrieb gegangen.
Das Treibhausgas wird in Industrieanlagen abgeschieden, verflüssigt und per Schiff zu einem Terminal in der Nähe von Bergen an der Westküste Norwegens transportiert. Dort wird es in Tanks umgefüllt und dann durch eine 110 Kilometer lange Pipeline transportiert. Zur dauerhaften Speicherung wird es in einer Tiefe von etwa 2,6 Kilometern unter dem Meeresboden verpresst.
Northern Lights ist ein Joint Venture, ein Zusammenschluss von Unternehmen zum Zweck der gemeinsamen Durchführung von Projekten, der Ölkonzerne Equinor, Shell und TotalEnergies. Das erste nun eingelagerte CO₂ stammt nach Angaben von Northern Lights aus dem Zementwerk des deutschen Unternehmens Heidelberg Materials in Brevik im Südosten Norwegens. Northern Lights hat bislang eine geringe Zahl von Verträgen dieser Art geschlossen, etwa mit einer Ammoniakanlage des Düngerherstellers Yara in den Niederlanden.
Northern Lights wird vom norwegischen Staat gefördert. Die jährliche CO₂-Speicherkapazität der Anlage liegt bislang bei 1,5 Millionen Tonnen. Bis zum Ende des Jahrzehnts soll sie auf fünf Millionen Tonnen ansteigen. Das Zementwerk in Brevik alleine produziert jährlich rund 800.000 Tonnen CO₂.
Carbon Management Strategie NRW
Mit der Ende 2021 erschienenen Carbon Management Strategie Nordrhein-Westfalen (NRW) führt das Wirtschaftsministerium nach eigenen Angaben zentrale Maßnahmen auf, die unter anderem zu einer Reduzierung der Kohlenstoffintensität und einer nachhaltigen Kohlenstoffnutzung beitragen können.
(Siehe dazu auch Interview mit Christoph Zeiss, Senior Researcher am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie und Hauptautor der Basisstudie „Strukturwandel: Kohlenstoffbasierte Industrien in Mitteldeutschland auf dem Weg in neue Märkte – Schwerpunkt wirtschaftliche Ausgangslage und Entwicklungspotenziale”)
„Aktionsplan CCU/CCS“ in Bayern
Um eine industrielle und wirtschaftlich tragfähige Anwendung von CCU/CCS-Technologien zu ermöglichen, hat das Bayerische Wirtschaftsministerium in enger Zusammenarbeit mit den Akteuren der bayerischen Wirtschaft und Wissenschaft sowie einschlägigen Verbänden einen „Aktionsplan CCU/CCS“ entwickelt. Ziel ist es, die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft im Freistaat angesichts neuer technologischer Trends und transformativer Herausforderungen sowie unter Erfüllung der Vorgaben zur Klimaneutralität langfristig sicherzustellen und auszubauen.
Die einzelnen Maßnahmen sollen in der Laufzeit des Aktionsplans CCU/CCS bis Ende 2027 begonnen und soweit möglich umgesetzt werden.
Positionspapier zu Carbon Management in Baden-Württemberg
Der Ministerrat in Baden-Württemberg hat am 15. Oktober 2024 ein Positionspapier zu Carbon Management verabschiedet.
Weiterführende Literatur




