
Inspiriert vom Konzept des Bitterfelder Weges leitete die Autorin, Regisseurin und Performance Künstlerin Patty Kim Hamilton am Sonntag, 20. September 2026 den „Schreibworkshop im Kraftwerk“ – im Rahmen des Festivals OSTEN und auf Einladung des Forum Rathenau. Das DDR-Programm, später als Bitterfelder Weg bekannt, förderte rund zehn Jahre lang politisch gewünschte Berufs- und Laienkunst. In zeitweise etwa 300 Schreibzirkeln fanden Arbeiter:innen eine eigene literarische Stimme. Im ehemaligen Kraftwerk Zschornewitz griffen die Teilnehmenden diese Praxis bei zwei Stunden intensiven Schreibens wieder auf und setzten sich zudem mit der Bedeutung von der Freiheit der Kunst auseinander.
Patty Hamilton ermutigte die Gruppe, Hemmungen abzulegen, den inneren Rotstift auszuschalten und einfach zu schreiben: „Die eigene Stimme findet man nur durchs Schreiben.“ Jede Stimme verdiene es, gehört zu werden. Die Teilnehmenden sprachen über ihre Liebe zur Sprache, aber auch über Zweifel: „Ich kann gar nicht schreiben“, Angst vor Bewertungen und Frust und darüber, eigene Vorstellungen nicht umsetzen zu können. Hamilton hielt dagegen, dass sich Schreiben als Handwerk erlernen lasse.
Die Teilnehmenden verfassten eigene Texte und entwarfen kurze Szenen aus ihrem Arbeitsalltag. In einer Übung zum autofiktionalen Schreiben erschufen sie Kunstfiguren, die eigene Erfahrungen und Eigenschaften aufgreifen, aber neue Erzählräume öffnen. Das eigne sich gut für den Einstieg ins kreative Schreiben, so Hamilton: „Um aus der Perspektive der Figur schreiben zu können, habt ihr die Recherche längst erledigt – indem ihr euer Leben lebt.“


Nach einem Überblick über die Entwicklung des Bitterfelder Weges las Hamilton einen Ausschnitt aus Brigitte Reimanns Ankunft im Alltag. Der Roman gab der Ankunftsliteratur ihren Namen – ein autofiktionaler Text, in dem Reimann Geschichten rund um das Kombinat Schwarze Pumpe erzählt, wo sie selbst mehrere Jahre arbeitete und einen Schreibzirkel leitete.
Die Übungen weckten die Freude am Schreiben: „Es hat mir wieder Zuversicht gegeben, dass es doch aus den Fingern herausfließt, dass die Worte auf dem Papier doch irgendwie funktionieren“, sagte eine Teilnehmerin. Über eine Kunstfigur zu schreiben, empfand eine andere als neue Erfahrung: „Diese Entfremdung von der Person, das gefällt mir. Da merkt man erst die künstlerische Freiheit, die man ausschöpfen kann.“ Manche taten sich noch schwer, die Kunstfigur von sich selbst zu lösen – „meine Figur, die ist quasi wieder ich selbst geworden“. Eine weitere Person sagte: „Eigentlich habe ich nur ein Detail geändert, die Emotion. Die Figur hatte Wut, und wenn die Geschichte weitergegangen wäre, hätte sich das ganz anders entwickelt. Ich bin voll gespannt, was da kommt.“ Der Schreibworkshop im Kraftwerk setzte spürbar kreative Energie frei.




