
„Technologien zur CO₂-Entnahme aus der Umwelt –Chancen für einen Business-Case in Mitteldeutschland“ sind das Thema des CarbonCycleCultureClub (C4) am Donnerstag, 26. März 2026 von 18 bis etwa 21 Uhr im Industrie- und Filmmuseum Bitterfeld-Wolfen. Diskutiert wird mit Vertreterinnen und Vertretern der Wirtschaft, welche neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten Technologien zur CO₂-Entnahme aus der Umwelt für das Mitteldeutschen Revier bieten.
Die menschgemachten CO₂-Emissionen müssen reduziert werden. Dies ist besonders für Industriebereiche, die aufgrund verschiedener Prozesse bei der Erzeugung ihrer Produkte auch bei Umstellung auf nachhaltige Technologien noch einen CO₂-Ausstoß verursachen werden, ein vieldiskutiertes Thema. Deshalb werden unter anderem Möglichkeiten zur CO₂-Reduktion unter Verwendung von Gesteinen und Mineralien gesucht.
Die Chancen der Technologien zur CO₂-Entnahme aus der Umwelt
Erste Kosten-Nutzen-Analysen zeigen, dass sich schon unter den jetzigen Randbedingungen ein Business-Case für Mitteldeutschland ergeben kann. Die noch zu entwickelnden Technologien für die hocheffiziente Speicherung von CO₂ sind global skalierungsfähig und bieten Chancen für den Anlagenbau.
Zu Gast beim Vorstandsvorsitzenden des Forum Rathenau Professor Ralf Wehrspohn, der den CarbonCycleCultureClub (C4) moderiert, werden unter anderem sein:
- Stefan Schlosser, Geschäftsführer, Deutscher Verband für negative Emissionen (DVNE) (angefragt)
- Holger Franke, Leiter Geschäftsentwicklung der MVV Umwelt GmbH (zugesagt)
- Professor Georg Locher, SCHWENK Building Materials Group (zugesagt)
- Wolfram Ridder, Geschäftsführer der Mercer Europe GmbH und Senior Vice President von Mercer International Inc. (zugesagt)
- Dr. Thomas Kreuter, Leiter der Landwirtschaftlichen Anwendungsforschung SKW Piesteritz (angefragt)
Aktuell werden CO₂-Emissionen in fossile CO₂-Emission und nicht-fossile CO₂-Emissionen aufgeteilt. Fossile CO₂-Emissionen in Europa unterliegen dem Emissionszertifikate-Handelssystem ETS und müssen jedes Jahr ersteigert werden beziehungsweise werden für bestimmte Branchen frei zugeteilt, die im internationalen Wettbewerb stehen. Mit CBAM ist beabsichtigt, die freie Zuteilung stetig zu reduzieren und die Menge im Bereich der Auktionen zu erhöhen. Allerdings ist die Wirksamkeit der aktuellen Umsetzung des CBAM gering bis negativ. Zusätzlich können Unternehmen auch auf dem Sekundärmarkt ETS-Zertifikate erstehen.
Im Jahr 2024 sind beispielsweise etwa 599 Millionen Zertifikate versteigert worden. Dies entsprach Einnahmen der EU-Staaten von 42 bis 44 Milliarden Euro bei Preisen von 70 bis 75 €/t CO₂. Durch die Steigerung der Menge an auktionierten Zertifikaten auf 833 Millionen Zertifikate bis zum Jahr 2030 bei geschätzten Preisen von 100 €/t CO₂ würden sich die Einnahmen der Staaten auf über 80 Milliarden Euro erhöhen.
Diese Einnahmen müssen laut EU-Verordnung zu 50 Prozent in Klimaschutzmaßnahmen fließen, die restlichen Einnahmen können für allgemeine Zwecke durch die Mitgliedsstaaten genutzt werden. Deutschland hat im Jahr 2024 durch den ETS zirka 5,5 Milliarden Euro eingenommen, die in den KTF (Klima- und Transformationsfonds) fließen. Diese 5,5 Milliarden Euro wurden dem direkten Wirtschaftskreislauf 2024 entzogen und werden nur teilweise in wirtschaftsnahe Infrastrukturen in den nächsten Jahren reinvestiert.
Unternehmen haben aktuell neben dem Einkauf von Zertifikaten drei technologische Möglichkeiten im Rahmen des ETS:
- Umstellung auf nichtfossile Brennstoffe wie Wasserstoff (solange es technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist)
- Langzeitspeicherung des fossilen CO₂ aus der eigenen Produktion in CO₂-Speichern (CCS) oder Speichermaterialien (CCU)
Die dritte Option, die bisher nur wenig in ihrer ökonomischen Wirksamkeit diskutiert worden ist: Kompensation der eigenen CO₂-Emission durch negative Emissionen (Carbon Dioxide Removal, CDR).
Wir möchten mit Ihnen und den Podiumsgästen diskutieren, welche wirtschaftlichen Chancen in der Kompensation der eigenen CO₂-Emission durch negative Emissionen liegen.
Die jüngsten Beschlüsse des EU-Rates und -Parlaments zur Umsetzung des 90 Prozent-Reduktionsziels bis 2040 stellen eine grundsätzliche Neubewertung der europäischen Klimapolitik dar. Sie signalisieren einen Paradigmenwechsel, indem sie technologischen Kohlenstoffentnahmen (Carbon Dioxide Removals, CDR) und der bilanziellen Betrachtung eine zentrale und vor allem frühzeitige Rolle beimessen.
Wie von der Europäischen Kommission im November 2025 offiziell bestätigt, haben sich die Mitgliedstaaten auf ein rechtlich verbindliches Gesamtziel von 90 Prozent Netto-Treibhausgasreduktion bis 2040 im Vergleich zu 1990 geeinigt. Die entscheidende Neuerung ist die explizite Aufteilung dieses Ziels: ein inländisches Reduktionsziel von 85 Prozent und die Möglichkeit, bis zu 5 Prozent durch hochwertige internationale Kohlenstoffgutschriften zu erreichen.
Der erste und wohl finanziell bedeutendste Markt entsteht somit international. Der Anteil von 5 Prozent für internationale Gutschriften, basierend auf Artikel 6 des Pariser Abkommens, schafft einen enormen, planbaren Absatzmarkt.
Ausgehend von den EU-Emissionen des Jahres 1990 (zirka 4,5 Gt CO₂-Äq.) entspricht ein Reduktionsziel von 90 Prozent einer Gesamtminderung von 4,05 Gt. Der Anteil von 5 Prozentpunkten hieran beläuft sich auf ein jährliches Importvolumen von zirka 225 Millionen Tonnen CO₂. Legt man einen am EU-Emissionshandelssystem orientierten CO₂-Preis von 100 € pro Tonne zugrunde, entsteht so ein Markt mit einem jährlichen Volumen von rund 22,5 Milliarden Euro, der für CDR-Projekte außerhalb der EU zur Verfügung steht.
Parallel dazu stärkt die EU den Binnenmarkt für CDR. Die Kommission bestätigt, dass die Nutzung von in der EU generierte, dauerhaften Kohlenstoffentnahmen im EU-Emissionshandelssystem (ETS) ermöglicht werden soll. Für diese inländischen CDR, die nach dem EU Carbon Removal Certification Framework (CRCF) zertifiziert werden, ist keine quantitative Obergrenze vorgesehen.
Hier positioniert sich die Ex-situ-Karbonatisierung als eine Schlüsseltechnologie.
Für Industrieunternehmen, insbesondere jene mit mineralischen Nebenprodukten, entsteht dadurch ein regulatorisch verankerter, milliardenschwerer Markt, der durch Technologien wie die Ex-situ-Karbonatisierung bedient werden kann.
Die natürliche Karbonatisierung beschreibt einen Prozess bei dem atmosphärisches CO₂ mit Alkali- und Erdalkalimetallen zu einem Karbonat reagiert. Da dies aufgrund der langen Reaktionszeit nicht für industrielle Prozesse geeignet ist, beschäftigen sich Forschung und Industrie mit einer beschleunigten Version. Unter anderem werden hierfür erhöhte Druck- und Temperaturbedingungen genutzt, um eine bessere CO₂-Aufnahme des Materials und schnellere Reaktionen zu ermöglichen.
Für die Karbonatisierung werden hauptsächlich Mineralien und Gesteine, aber auch Sekundärrohstoffe, die als Abfallprodukt anderer Prozesse anfallen, eingesetzt. Grundsätzlich kann zwischen In- und Ex-Situ Karbonatisierungsverfahren unterschieden werden. In-Situ Verfahren beschreiben das Einspeisen von CO₂ als Gas oder wässrige Lösung in silikatreiche geologische Gesteinsformationen. Ex-Situ beschreibt im Gegensatz dazu die überirdische Karbonatisierung mit vorbehandelten Einsatzstoffen in chemischen Reaktoren.
Der entscheidende Vorteil der Ex-situ-Karbonatisierungs-Methode liegt in ihrer Kontrollierbarkeit. Der Prozess findet in einem geschlossenen Reaktorsystem statt, was ein äußerst präzises Monitoring und eine exakte Verifizierung der entfernten CO₂-Menge ermöglicht. Dies ist ein unschätzbarer Vorteil für die Zertifizierung unter dem strengen EU CRCF (Carbon Removal Certification Framework) und schafft Vertrauen auf den internationalen Märkten.
Durch die Ex-situ Karbonatisierung wird der Transport von grünen Molekülen zunächst vollständig vermieden, da sowohl in Europa (unbegrenzt) und außerhalb von Europa (aktuell 5 Prozent) für negative Emissionen entsprechende Zertifikate ausgestellt werden dürfen. Gerade in Deutschland stehen enorme Potentiale an Punktquellen für die Ex-Situ Karbonatisierung zur Verfügung. Zunächst aus biogenen Punkquellen, die teilweise 100 Prozent reines biogenes CO₂ produzieren und daher optimal für CDR geeignet sind.
Was bedeuten diese Entwicklungen für das Mitteldeutsche Revier? Welche Chancen für einen Business-Case in Mitteldeutschland entstehen hier? sind Fragen, die beim C4 besprochen werden.
Siehe: Policy Papers on Just Transition: Ex-situ Karbonatisierung als Chance für die Chemie in Mitteldeutschland, Professor Ralf Wehrspohn, JTC, Martin-Luther-University Halle-Wittenberg, Germany, European Center of Just Transition Research and Impact-Driven Transfer (JTC)