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Rückblick: Technologien zur CO₂-Entnahme als Chance

Foto: Sergei Balyberdin „Frost Foto“

„Technologien zur CO₂-Entnahme aus der Umwelt – Chancen für einen Business-Case in Mitteldeutschland“ war das Thema des CarbonCycleCultureClub (C4) am Donnerstag, 26. März 2026 von 18 bis etwa 21 Uhr im Industrie- und Filmmuseum Bitterfeld-Wolfen. Diskutiert wurde mit Vertreterinnen und Vertretern der Wirtschaft, welche neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten Technologien zur CO₂-Entnahme aus der Umwelt für das Mitteldeutschen Revier bieten.

Die menschgemachten CO₂-Emissionen müssen reduziert werden. Dies ist besonders für Industriebereiche, die aufgrund verschiedener Prozesse bei der Erzeugung ihrer Produkte auch bei Umstellung auf nachhaltige Technologien noch einen CO₂-Ausstoß verursachen werden, ein vieldiskutiertes Thema. Deshalb werden unter anderem Möglichkeiten zur CO₂-Reduktion unter Verwendung von Gesteinen und Mineralien gesucht.

Die Chancen der Technologien zur CO₂-Entnahme aus der Umwelt

Erste Kosten-Nutzen-Analysen zeigen, dass sich schon unter den jetzigen Randbedingungen ein Business-Case für Mitteldeutschland ergeben kann. Die noch zu entwickelnden Technologien für die hocheffiziente Speicherung von CO₂ sind global skalierungsfähig und bieten Chancen für den Anlagenbau.

Zu Gast beim Vorstandsvorsitzenden des Forum Rathenau Professor Ralf Wehrspohn, der den CarbonCycleCultureClub (C4) moderiert, waren unter anderem:

  • Holger Franke, Leiter Geschäftsentwicklung der MVV Umwelt GmbH ➝ zur Zusammenfassung
  • Professor Georg Locher, SCHWENK Building Materials Group ➝ zur Zusammenfassung
  • Wolfram Ridder, Geschäftsführer der Mercer Europe GmbH und Senior Vice President von Mercer International Inc. ➝ zur Zusammenfassung
  • Alexander Bieß, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Anhalt und Geschäftsführer / Innovationsmanager von DIVER(C)ITY ➝ zur Zusammenfassung
  • Franz Leopold Haupt, stellvertretender Leiter der landwirtschaftlichen Anwendungsforschung und Chef des Freilandversuchswesens von SKW Piesteritz ➝ zur Zusammenfassung

CarbonCycleCultureClub (C4) im Live-Mitschnitt

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Die Referenten gaben einen kurzen Einblick, welche Modelle sie bereits verfolgen oder sie für die Zukunft planen.

BECCUS: CO₂-Abscheidung in Abfallverbrennung und Biomassekraftwerken

Holger Franke, Geschäftsentwicklung der MVV Umwelt GmbH. Foto: Sergei Balyberdin „Frost Foto“

Die MVV Umwelt GmbH gehört zur MVV-Gruppe. Sie betreibt an Standorten in Deutschland und Großbritannien thermische Abfallbehandlungsanlagen sowie mit Altholz betriebene Biomassekraftwerke. Neben kommunalen Restabfällen kommen auch Gewerbeabfälle zum Einsatz. Die in den Abfällen enthaltene Energie wird in Form von Hochdruckdampf, Fernwärme und Strom den Kunden zur Verfügung gestellt. Phosphor wird aus Klärschlämmen unter Einsatz der Drehrohrtechnologie zurückgewonnen. Darüber hinaus werden Bioabfälle aus Haushalten und der Landwirtschaft mit entsprechenden Vergärungsanlagen in Biomethan sowie Gärprodukte umgewandelt. Das Biomethan wird in das Erdgasnetz eingespeist und unterstützt damit die Wärmewende. Zukünftig sind weitere Nutzungsmöglichkeiten denkbar. In Dresden wird darüber hinaus biogenes CO₂ abgetrennt und in Recyclingbeton dauerhaft eingespeichert. Holger Franke, Leiter Geschäftsentwicklung der MVV Umwelt GmbH, stellte diese Aktivitäten der MVV vor.

Zementindustrie und CO₂: Zwischen Prozessemissionen, CCS und biogenen Brennstoffen

Professor Georg Locher, Geschäftsführender Direktor des Bereichs „Neue Technologien“ bei SCHWENK Zement. Foto: Sergei Balyberdin „Frost Foto“

Bis zum Jahr 2030 soll das erste CO₂ -neutrale Zementwerk der SCHWENK-Gruppe entstehen, indem die derzeit entwickelten Zukunftstechnologien zur Abscheidung, Speicherung und Nutzung von CO₂ genutzt werden. Professor Georg Locher, Geschäftsführender Direktor des Bereichs „Neue Technologien“ bei SCHWENK Zement, einem familiengeführten Baustoffproduzenten mit unter anderem vier Zementwerken in Deutschland und zweien im Baltikum erläuterte, wie das Unternehmen dies erreichen kann.

„Die Zementindustrie ist mit CO₂ gesegnet. Wir haben so viel, dass wir gerne auch andere daran teilhaben lassen“, sagte Professor Locher.  

Sie sehen hier eine Darstellung der Auswirkungen des EU-ETS, des CO₂-Emissionshandelssystems der EU, erläuterte Professor Locher seine Folien.  Sie stellen fest, dass hier eine rote Linie stetig nach unten geht bis 2039. Das heißt, im Jahre 2039 werden keine Zertifikate mehr ausgegeben. Sie müssen aber Zertifikate haben, wenn Sie CO₂ emittieren. Das heißt also, wir haben da keine mehr. Wir sind ja nicht die einzigen, die in diesem System drin sind, sondern da ist die Chemie drin, es sind viele Bereiche drin. Da ist die gesamte Energiewirtschaft mit drin. Insofern müssen wir alle bis dahin fertig sein mit unseren Anstrengungen, CO₂ zu vermeiden, so Professor Locher weiter.

Wenn Sie sich die Mengen angucken, stellt man schon fest, es werden jetzt schon in diesem Jahr weniger Zertifikate ausgegeben, als im langjährigen Mittel der vorigen Jahre emittiert worden ist. Irgendjemand muss jetzt schon etwas unternommen haben oder muss etwas in diesem Jahr machen, um dahinzukommen. Wir können das noch nicht, weil wir die CO₂-Abscheidetechnologie noch gar nicht haben.

Die Zementindustrie ist mit CO₂ gesegnet. Wir haben so viel, dass wir gerne auch andere daran teilhaben lassen.

Professor Georg Locher, Geschäftsführender Direktor bei SCHWENK Zement

Warum das trotzdem funktioniert ist, weil wir ganz stark im Energiesektor einsparen. Auf der einen Seite finde ich das klasse. Der Klimaschützer in mir sagt: super Angelegenheit. Bloß, wenn man an die Umsetzung geht und das, was technisch damit alles verbunden ist, dann wird es tatsächlich schwierig und dann machen wir uns Sorgen.

Unter CO₂ kann man sich nur schwer etwas vorstellen. Deswegen habe ich mal den Bing Image Creator etwas machen lassen. Hier habe ich Ihnen jetzt aufgeschrieben, wie viel Trockeneis das ist, und zwar die Emissionen eines einzigen Tages umgerechnet in Trockeneis. Dann haben sie bei einem typischen Zementwerk, einem typischen durchschnittlichen deutschen Zementwerk, einen solchen Block mit 11 m Kantenlänge. Das kommt jeden Tag heraus.

Das wollen wir loswerden. Deswegen bauen wir mit drei Partnern in Mergelstetten, das ist in Süddeutschland, in einem unserer Werke eine Versuchsanlage. Sie sehen jetzt hier eine Versuchsanlage, die nur dafür da ist, dass wir das CO₂ abscheiden nach dem sogenannten Oxyfuel-Verfahren. Ich will gar nicht näher darauf eingehen, aber das ist ein Verfahren, das grundsätzlich von vielen, die sich mit der Materie befassen, als sehr, sehr erfolgversprechend angesehen wird.

Da geben wir insgesamt mit unseren drei Marktbegleitern, wie es immer so schön heißt, 200 Millionen Euro aus, und Sie sehen da Schrott der Zukunft; denn das ist nur etwas, was wir zum Ausprobieren bauen. Die 200 Millionen Euro haben wir selbst aufgebracht. Wir sind nicht über öffentliche Förderungen gegangen. Schlicht und ergreifend deswegen, um es mal so zu sagen, weil uns der Förderungsgeber mit seinem Tempo jetzt nicht fürchterlich überfordert hat. Mit anderen Worten: Das war einfach viel zu langsam, und wir haben gesagt, wir geben es lieber selbst aus, sonst verlieren wir zwei bis drei Jahre.

Wir sind im Augenblick gerade dabei, in die Inbetriebnahme zu gehen. Was wollen wir danach tun mit dem CO₂? Jetzt haben wir es abgeschieden. Wir hoffen, dass wir im Jahr 2030 damit anfangen können, denn solange brauchen wir, um diese riesigen Anlagen überhaupt zu bauen. Dann haben wir es. Aber was können wir dann tun?, fragte Professor Locher.

Foto: Sergei Balyberdin „Frost Foto“

Hier gibt es eine Möglichkeit, die auch immer wieder als sogenannte Sektorkopplung betrachtet wird. Hier haben wir ein Zementwerk, und das, was an Abgasen oben herausgeht und insbesondere das CO₂, geht dann rüber in eine Chemiefabrik. In dieser Chemiefabrik wird dann etwas Nützliches daraus gemacht, in diesem Fall sogenannte Sustainable Aviation Fuels, also grünes Kerosin.

Das wird auch von der EU sehr gerne gesehen. Bloß – das ist verdammt aufwendig. Das heißt, energetisch betrachtet müssen Sie ja ein CO₂-Molekül, das eigentlich gar nichts machen will, mit ganz viel Energie davon überzeugen, dass es jetzt doch in ein Kerosin übergeht und auf einmal reaktiv wird. Wir haben uns daran tatsächlich auch in einem Forschungsprojekt betätigt, haben es dann aber genau aus diesem Grunde eingestellt. Einfach nur, um Ihnen mal die Größenordnung zu sagen: Um das CO₂ eines einzigen Zementwerks umzuwandeln in dieses Flugbenzin, bräuchten wir von diesen Dingern 600 Stück, und wir bräuchten von den neuesten, modernen Windrädern 250 Stück – für ein Zementwerk. Spätestens dann sollte man sich der Tatsache bewusst sein, dass das doch ein bisschen schwer ist. Überlegen Sie: 250 Windräder…, erläuterte Professor Locher die Größenordnungen.

Dann kam noch die EU dazu und sagte an der Stelle: Die müsst ihr aber alle gleichzeitig betreiben, die müssen alle im gleichen Bereich stehen. Lange Rede kurzer Sinn – verdammt kompliziert. Deswegen haben wir uns davon verabschiedet und haben gesagt, wir machen es anders. Jetzt müssen wir es aber erst einmal irgendwo hinbringen. Das kann man sich dann vorstellen, das geht so: Wir haben hier solche Kesselwagen, die gibt es mittlerweile auch schon. Die sind zwar nicht in diesen Riesenmengen verfügbar, wie wir sie eigentlich brauchen, aber grundsätzlich werden die auch von den entsprechenden Firmen wie z. B. VTG oder GATX und wie sie alle heißen, mittlerweile hergestellt.

Dann fahren aus einem Werk ein bis zwei Ganzzüge mit solchen Kesselwagen heraus. Jeden Tag ein bis zwei. Hier sehen Sie jetzt keine CO₂-Züge, das ist Flüssiggas. Flüssiggas wird auf diese Weise transportiert. Das funktioniert also. Aber Sie müssen sich vorstellen: Ein bis zwei von diesen Zügen fahren dann jeden Tag aus einem Zementwerk heraus. Damit fährt man dann zur Küste. Da gibt es nämlich dieses Schiff, das ist von unserem Marktbegleiter Heidelberg Materials. Die haben nämlich in Norwegen ein Werk, da wird das CO₂ abgeschieden. Das ist das Schiff, das dieses CO₂ dann rund um Norwegen einmal herumfährt, um es dann in Northern Lights dort über eine 110 km lange Pipeline ins Meer zu leiten und von dort 2.600 m tief in die Gesteinsschichten unter dem Boden zu versenken. So sieht das Schiff aus. Das gibt es schon, das ist nicht KI, das gibt es tatsächlich. Hier sieht man noch einmal, wie eigentlich so eine CO₂-Speicherung aussieht. Hier angedeutet: Oben ist das Meer (das kann man natürlich auch an Land machen, wir würden es gerne z. B. in Deutschland an Land machen). Da müssen Sie 1 km tief in den Boden bohren, denn da unten gibt es dann zum einen entweder ausgeförderte Erdgasstätten, also wo das Erdgas/Erdöl herausgefördert ist. Da kann man dann alternativ dazu wiederum diese Gesteinsschichten mit CO₂ vollpumpen. Oder aber es gibt sogenannte salinare Aquifere. Das sind also poröse Gesteinsschichten auch wieder, in denen Salzlösung ist. Da kann man das CO₂ hineinpumpen, und dann verdrängt das in Teilen diese Flüssigkeit, dieses hochgradig salzhaltige Wasser, drückt es zur Seite, und dann muss man dafür sorgen, dass natürlich ein nicht zu großer Druck aufgebaut wird, dass oben drüber die Deckschichten kaputt gehen. Hier sieht man mal so ein Beispiel dafür. Das sind Sandsteine, in denen sowas ist. Aber ganz wichtig ist, dass über diesen Sandsteinschichten, in denen ja das CO₂ dann gelagert ist, darüber immer eine dichte Deckschicht ist. Dass das funktioniert, kann man daran sehen, dass es viele Erdöl- und Erdgaslagerstätten gibt. Da liegt das ja seit Millionen Jahren drin. Solche Strukturen sucht man, um es da reinzupumpen.

Foto: Sergei Balyberdin „Frost Foto“

Jetzt kommen wir zu der allerschwierigsten Folie, und zwar: Was sagt denn jetzt eigentlich der Weltklimarat zu dieser ganzen Sache der CO₂ Speicherung? Weil das ja im Augenblick so ein Thema ist, das zumindest in diesen Fachkreisen immer wieder diskutiert wird. Der IPCC sagt dazu, ohne das jetzt im Einzelnen durchzugehen: Wir haben da mal Modellberechnungen gemacht. Die haben also 222 Modellberechnungen in dieser spezifischen Publikation durchlaufen lassen. Also 222mal haben sie die Modelle durchlaufen lassen zum Klimawandel, die aber alle hinterher dazu geführt haben, dass das 1,5°-Ziel oder das 2°-Ziel eingehalten wird, also wenn man so will, 222 erfolgreiche Szenarien gerechnet, die immer dazu geführt haben: So kann man sich die Zukunft vorstellen. Alle aber mit einem unterschiedlichen Instrumentenkasten, um das zu erreichen.

Jetzt kommen wir zu dem schweren, was man hier sieht. Man sieht jetzt hier von 2020 bis 2100 – die rechnen also jetzt wirklich im Jahrhundertebereich, um das abzuchecken, weil es ja nicht nur die Sache von ein bis zwei Jahren ist. Man sieht hier unten die Jahreszahl und auf der Y-Achse die kumulierte Menge an CO₂, die jetzt an dieser Stelle abgeschieden werden muss, damit wir das Klimaziel erreichen. Von diesen 222 unterschiedlichen Szenarien, die da sind, wird jeweils gesagt: Ich brauche so und so viel an CO₂ Speicherung, so und so viel an CCS, sonst funktioniert das gar nicht.

Jetzt gucken Sie mal auf diese Größenordnung hier. Das geht hoch bis 1.400 Gigatonnen. Kumuliert bis zum Ende des Jahrhunderts abgeschieden. Deutschland emittiert im Augenblick pro Jahr 0,6 Gigatonnen. Das IPCC sagt, wir müssen bis zum Ende des Jahrhunderts global 1.000 Gigatonnen abscheiden und versenken. Und die ganzen politischen Diskussionen, die wir im Augenblick haben, bezüglich der Klimaneutralität („wir müssen klimaneutral sein“) – da sagt das IPCC: Nein, nein, völlig falsch gewettet. Wir müssen entfernen aus der Atmosphäre. Deswegen kann ich jedem nur empfehlen, einfach mal die IPCC-Berichte durchzulesen. Es steht überall darin: Wir brauchen massiv CO₂-Speicherung. Auch für Kohlekraftwerke, auch für Erdgaskraftwerke, wir brauchen es überall. Der größte Beitrag kommt aus BECCS, also Bioenergy – und das CO₂ dann verpressen. Jetzt noch ganz zum Schluss: Was sagt Goethe dazu? Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden. Es ist nicht genug zu wollen, man muss auch tun. Danke schön. 

Biomasse als biogene CO₂-Quelle: Stoffliche Nutzung statt Verbrennung

Wolfram Ridder, Geschäftsführer der Mercer Europe GmbH und Senior Vice President von Mercer International Inc. Foto: Sergei Balyberdin „Frost Foto“

Mercer International ist ein in Deutschland und Nordamerika agierendes Unternehmen, das nachhaltige Holzprodukte, Zellstoff und Bioenergie herstellt. Seit dem Eintritt der Mercer International im Jahr 1994 in die ostdeutsche Papier- und Zellstoffindustrie als Investor und Betreiber gestaltete Wolfram Ridder, Geschäftsführer der Mercer Europe GmbH und Senior Vice President von Mercer International Inc., unter anderem Aufbau und Erweiterung der Produktion von Kraftzellstoffen in Thüringen und Sachsen-Anhalt. Am Standort Stendal werden heute große Mengen an forstlicher Biomasse (Industrieholz) zur Erzeugung von Zellstoff, Biochemikalien und Bioenergie verarbeitet. In Kooperation mit dem Energieversorgungsunternehmen Uniper entwickelt Mercer Technologien zur Erzeugung hochwertiger Synthesegase aus den heutigen Nebenstoffströmen der Zelluloseproduktion. Wolfram Ridder stellte vor, welchen Beitrag Mercer International als größte Punktquelle biogenen Kohlenstoffs in Deutschland zur Transformation der Kohlenwasserstoffindustrie und darüber hinaus leisten kann.

Wiedervernässung von Mooren: CO₂-Speicherung durch ökologische Regeneration

Alexander Bieß, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Anhalt in der Building Envelope Research Group. Foto: Sergei Balyberdin „Frost Foto“

Alexander Bieß ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Anhalt in der Building Envelope Research Group und arbeitet an der Schnittstelle von Materialforschung, Architektur und Bioökonomie. Im Zentrum seiner Arbeit steht die Frage, wie biogener Kohlenstoff aus wiedervernässten Mooren in nachhaltige Materialkreisläufe überführt werden kann. Aktuell baut er den Paludi Media Verbund auf – eine interdisziplinäre Plattform, die Forschung, Praxis und Industrie vernetzt, um Paludikultur als Rohstoffstrategie zu etablieren. Ziel ist es, Biomasse aus nassen Mooren, etwa Schilf, Rohrkolben oder Sphagnum, zu innovativen Baustoffen weiterzuentwickeln, die CO₂ langfristig speichern. Seine Perspektive verbindet ökologische Regeneration, industrielle Transformation und zirkuläres Bauen zu einem neuen Verständnis von Kohlenstoff als Ressource. Alexander Bieß: „Die Zukunft entscheidet sich nicht daran, wie viel CO₂ wir speichern – sondern daran, wie intelligent wir Kohlenstoff zirkulieren lassen.“

CO₂ als Rohstoff in der Düngemittelindustrie: Von Harnstoff zur Plattformchemikalie

Franz Leopold Haupt, stellvertretender Leiter der landwirtschaftlichen Anwendungsforschung von SKW Piesteritz sowie Chef des Freilandversuchswesens von SKW. Foto: Sergei Balyberdin „Frost Foto“

Franz Leopold Haupt ist stellvertretender Leiter der landwirtschaftlichen Anwendungsforschung von SKW Piesteritz und gleichzeitig Chef des Freilandversuchswesens von SKW. Darüber hinaus ist er für den unternehmenseigenen landwirtschaftlichen Betrieb zuständig, in welchen die Versuchsfelder eingebettet sind, die zum innovativen Netzwerk „Leitbetriebe Pflanzenbau“ des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) gehören. Das Netzwerk „Leitbetriebe Pflanzenbau“ soll dazu beitragen, modernen biodiversitäts- und umweltschonenden Pflanzenbau für die Öffentlichkeit erlebbar zu machen. Es ist im Oktober 2021 gestartet und besteht aktuell aus fast 100 konventionell und ökologisch wirtschaftenden Betrieben. Franz Leopold Haupt stellte vor, wie sich SKW hier für die Zukunft aufstellt und welche Bedeutung dabei die CO₂-Entnahme aus der Umwelt spielt.

Von der Akzeptanz zum Business Case: Mitteldeutschland als CO₂-Drehscheibe?

Aktuell werden CO₂-Emissionen in fossile CO₂-Emission und nicht-fossile CO₂-Emissionen aufgeteilt. Fossile CO₂-Emissionen in Europa unterliegen dem Emissionszertifikate-Handelssystem ETS und müssen jedes Jahr ersteigert werden beziehungsweise werden für bestimmte Branchen frei zugeteilt, die im internationalen Wettbewerb stehen. Mit CBAM ist beabsichtigt, die freie Zuteilung stetig zu reduzieren und die Menge im Bereich der Auktionen zu erhöhen. Allerdings ist die Wirksamkeit der aktuellen Umsetzung des CBAM gering bis negativ. Zusätzlich können Unternehmen auch auf dem Sekundärmarkt ETS-Zertifikate erstehen.

Im Jahr 2024 sind beispielsweise etwa 599 Millionen Zertifikate versteigert worden. Dies entsprach Einnahmen der EU-Staaten von 42 bis 44 Milliarden Euro bei Preisen von 70 bis 75 €/t CO₂. Durch die Steigerung der Menge an auktionierten Zertifikaten auf 833 Millionen Zertifikate bis zum Jahr 2030 bei geschätzten Preisen von 100 €/t CO₂ würden sich die Einnahmen der Staaten auf über 80 Milliarden Euro erhöhen.

Diese Einnahmen müssen laut EU-Verordnung zu 50 Prozent in Klimaschutzmaßnahmen fließen, die restlichen Einnahmen können für allgemeine Zwecke durch die Mitgliedsstaaten genutzt werden. Deutschland hat im Jahr 2024 durch den ETS zirka 5,5 Milliarden Euro eingenommen, die in den KTF (Klima- und Transformationsfonds) fließen. Diese 5,5 Milliarden Euro wurden dem direkten Wirtschaftskreislauf 2024 entzogen und werden nur teilweise in wirtschaftsnahe Infrastrukturen in den nächsten Jahren reinvestiert.

Unternehmen haben aktuell neben dem Einkauf von Zertifikaten drei technologische Möglichkeiten im Rahmen des ETS:

  1. Umstellung auf nichtfossile Brennstoffe wie Wasserstoff (solange es technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist)
  2. Langzeitspeicherung des fossilen CO₂ aus der eigenen Produktion in CO₂-Speichern (CCS) oder Speichermaterialien (CCU)

Die dritte Option, die bisher nur wenig in ihrer ökonomischen Wirksamkeit diskutiert worden ist: Kompensation der eigenen CO₂-Emission durch negative Emissionen (Carbon Dioxide Removal, CDR).

Foto: Sergei Balyberdin „Frost Foto“

Diskutiert wurde mit Podiumsgästen und Publikum, welche wirtschaftlichen Chancen in der Kompensation der eigenen CO₂-Emission durch negative Emissionen liegen.

Die jüngsten Beschlüsse des EU-Rates und -Parlaments zur Umsetzung des 90 Prozent-Reduktionsziels bis 2040 stellen eine grundsätzliche Neubewertung der europäischen Klimapolitik dar. Sie signalisieren einen Paradigmenwechsel, indem sie technologischen Kohlenstoffentnahmen (Carbon Dioxide Removals, CDR) und der bilanziellen Betrachtung eine zentrale und vor allem frühzeitige Rolle beimessen.

Wie von der Europäischen Kommission im November 2025 offiziell bestätigt, haben sich die Mitgliedstaaten auf ein rechtlich verbindliches Gesamtziel von 90 Prozent Netto-Treibhausgasreduktion bis 2040 im Vergleich zu 1990 geeinigt. Die entscheidende Neuerung ist die explizite Aufteilung dieses Ziels: ein inländisches Reduktionsziel von 85 Prozent und die Möglichkeit, bis zu 5 Prozent durch hochwertige internationale Kohlenstoffgutschriften zu erreichen.

Der erste und wohl finanziell bedeutendste Markt entsteht somit international. Der Anteil von 5 Prozent für internationale Gutschriften, basierend auf Artikel 6 des Pariser Abkommens, schafft einen enormen, planbaren Absatzmarkt.

Ausgehend von den EU-Emissionen des Jahres 1990 (zirka 4,5 Gt CO₂-Äq.) entspricht ein Reduktionsziel von 90 Prozent einer Gesamtminderung von 4,05 Gt. Der Anteil von 5 Prozentpunkten hieran beläuft sich auf ein jährliches Importvolumen von zirka 225 Millionen Tonnen CO₂. Legt man einen am EU-Emissionshandelssystem orientierten CO₂-Preis von 100 € pro Tonne zugrunde, entsteht so ein Markt mit einem jährlichen Volumen von rund 22,5 Milliarden Euro, der für CDR-Projekte außerhalb der EU zur Verfügung steht.

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Parallel dazu stärkt die EU den Binnenmarkt für CDR. Die Kommission bestätigt, dass die Nutzung von in der EU generierte, dauerhaften Kohlenstoffentnahmen im EU-Emissionshandelssystem (ETS) ermöglicht werden soll. Für diese inländischen CDR, die nach dem EU Carbon Removal Certification Framework (CRCF) zertifiziert werden, ist keine quantitative Obergrenze vorgesehen.

Hier positioniert sich die Ex-situ-Karbonatisierung als eine Schlüsseltechnologie.

Für Industrieunternehmen, insbesondere jene mit mineralischen Nebenprodukten, entsteht dadurch ein regulatorisch verankerter, milliardenschwerer Markt, der durch Technologien wie die Ex-situ-Karbonatisierung bedient werden kann.

Die natürliche Karbonatisierung beschreibt einen Prozess bei dem atmosphärisches CO₂ mit Alkali- und Erdalkalimetallen zu einem Karbonat reagiert. Da dies aufgrund der langen Reaktionszeit nicht für industrielle Prozesse geeignet ist, beschäftigen sich Forschung und Industrie mit einer beschleunigten Version. Unter anderem werden hierfür erhöhte Druck- und Temperaturbedingungen genutzt, um eine bessere CO₂-Aufnahme des Materials und schnellere Reaktionen zu ermöglichen.      

Für die Karbonatisierung werden hauptsächlich Mineralien und Gesteine, aber auch Sekundärrohstoffe, die als Abfallprodukt anderer Prozesse anfallen, eingesetzt. Grundsätzlich kann zwischen In- und Ex-Situ Karbonatisierungsverfahren unterschieden werden. In-Situ Verfahren beschreiben das Einspeisen von CO₂ als Gas oder wässrige Lösung in silikatreiche geologische Gesteinsformationen. Ex-Situ beschreibt im Gegensatz dazu die überirdische Karbonatisierung mit vorbehandelten Einsatzstoffen in chemischen Reaktoren.

Der entscheidende Vorteil der Ex-situ-Karbonatisierungs-Methode liegt in ihrer Kontrollierbarkeit. Der Prozess findet in einem geschlossenen Reaktorsystem statt, was ein äußerst präzises Monitoring und eine exakte Verifizierung der entfernten CO₂-Menge ermöglicht. Dies ist ein unschätzbarer Vorteil für die Zertifizierung unter dem strengen EU CRCF (Carbon Removal Certification Framework) und schafft Vertrauen auf den internationalen Märkten.

Durch die Ex-situ Karbonatisierung wird der Transport von grünen Molekülen zunächst vollständig vermieden, da sowohl in Europa (unbegrenzt) und außerhalb von Europa (aktuell 5 Prozent) für negative Emissionen entsprechende Zertifikate ausgestellt werden dürfen. Gerade in Deutschland stehen enorme Potentiale an Punktquellen für die Ex-Situ Karbonatisierung zur Verfügung. Zunächst aus biogenen Punkquellen, die teilweise 100 Prozent reines biogenes CO₂ produzieren und daher optimal für CDR geeignet sind.

Was bedeuten diese Entwicklungen für das Mitteldeutsche Revier? Welche Chancen für einen Business-Case in Mitteldeutschland entstehen hier? sind Fragen, die beim C4 besprochen wurden.

Siehe: Policy Papers on Just Transition: Ex-situ Karbonatisierung als Chance für die Chemie in Mitteldeutschland, Professor Ralf Wehrspohn, JTC, Martin-Luther-University Halle-Wittenberg, Germany, European Center of Just Transition Research and Impact-Driven Transfer (JTC)