
Beim CarbonCycleCultureClub (C4) am Donnerstag, 23. April 2026 wurde von 18 bis etwa 21 Uhr im Industrie- und Filmmuseum Bitterfeld-Wolfen zum Thema „Wann kommt die neue Infrastruktur für unsere Industrie?“ diskutiert. Im Fokus stand die Infrastruktur, die die Industrie benötigt, um wettbewerbsfähig und klimaneutral am Standort Deutschland und insbesondere im Mitteldeutschen Revier produzieren zu können. Außerdem erörterten wir, ob wir günstigere Energiepreise für die Industrie erreichen können. Moderiert wurde die Veranstaltung vom Vorstand des Forum Rathenau und Geschäftsführer des Chemieparks Bitterfeld-Wolfen Patrice Heine und von Elena Herzel, Geschäftsführerin der EWG Anhalt-Bitterfeld mbH.
Zu Gast beim Forum Rathenau waren:
- Dr. Dirk Flandrich, Geschäftsentwicklung & Nachhaltigkeit // Business Development & Sustainability, GASCADE Gastransport GmbH
- Dr.-Ing Fabian Neumann, PyPSA Developer, Researcher in Energy Systems at Technische Universität Berlin
- Dr. Martin Chaumet, Scientific Director der beventum GmbH und Innovationsmanager bei der SPRIND
- Matthias Kunath, Geschäftsführer der enviaTHERM GmbH
- Jörn-Heinrich Tobaben, Geschäftsführer der Metropolregion Mitteldeutschland Management GmbH
Der CarbonCycleCultureClub (C4) im Live-Mitschnitt
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenAngesichts der Herausforderungen für die europäische Wettbewerbsfähigkeit wurden beim Gipfeltreffen der europäischen Staats- und Regierungschefs Ende März Maßnahmen für niedrigere Energiepreise und eine höhere Versorgungssicherheit diskutiert. Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung, erklärte dazu: „Es ist von größter Bedeutung, Europas Stärke zu sichern und weiter auszubauen. Diese Stärke beruht maßgeblich auf der industriellen Basis der EU. Gerade in der durch die Entwicklungen im Nahen Osten nochmals veränderten aktuellen geopolitischen Lage zählt deshalb vor allem eines: politische Verlässlichkeit. Dazu gehört es, den Weg der Diversifizierung bei der Gasbeschaffung, des Hochlaufs der Wasserstoffwirtschaft, der Dezentralität der Stromerzeugung durch den Ausbau erneuerbarer Energien und der Netzinfrastruktur sowie der Elektrifizierung von Industrie, Gebäuden und Verkehr konsequent weiter zu beschreiten. Dies ist der richtige Pfad hin zu mehr Resilienz und Versorgungssicherheit.“
Carsten Franzke, Geschäftsführer der Stickstoffwerke Piesteritz (SKW) und Vorstand des Forum Rathenau, hielt in einem Interview mit dem MDR dagegen: „Die Uhr tickt. Wenn sich hier nicht drastisch was tut in der Branche, ist mit der Wirtschaft in Europa und in Deutschland Schluss.“ Das liege auch an den politischen Rahmenbedingungen. „Die Bundesregierung hat laut und stark begonnen, aber schwächelt bei der Umsetzung“, so Franzke. Maßnahmen wie das Ende der Gasspeicherumlage brachten nur bedingt Besserung.

Die Chemieindustrie hat einerseits mit sehr hohen Energiepreisen zu kämpfen, andererseits wird eine neue Infrastruktur für die Stoffströme benötigt. Wird auf die fossile Rohstoffbasis verzichtet, brauchen die Unternehmen eine andere Rohstoffbasis, so der Chemieparkgeschäftsführer und Vorstand des Forum Rathenau Patrice Heine.
Viele Produkte, die wir häufig im Alltag verwenden wie zum Beispiel Kunststoffe, Farben, Lösemittel, Kosmetika und pharmazeutische Erzeugnisse werden derzeit zum größten Teil aus den fossilen Rohstoffen Mineralöl und Erdgas hergestellt. Der darin gebundene Kohlenstoff wird während der Produktion und am Ende des Lebensweges der Produkte meist in Form des Treibhausgases Kohlenstoffdioxid (CO₂) emittiert.
Aufgrund der Klimaschutzziele in Deutschland und der Europäischen Union sowie weltweit wird nicht nur die Energieversorgung nachhaltig umgestellt auf regenerative Energien, sondern es wird zugleich nach alternativen Kohlenstoffquellen wie Biomasse oder Kunststoffabfällen gesucht, um sie in die vorhandenen Wertschöpfungsketten der chemischen Industrie zu führen.

Grundchemikalien wie Ethylen, Propylen, C4-Produkte (u.a. Butene), Benzol, Toluol, Xylol, Methanol und Harnstoff stehen am Anfang der Wertschöpfungskette vieler Produkte. Aus ihnen können fast alle kohlenstoffhaltigen Produkte der chemischen Industrie synthetisiert werden. Ammoniak ist eine weitere wichtige Grundchemikalie, die zwar keinen Kohlenstoff enthält, für deren Produktion allerdings momentan fossiles Methan genutzt wird. Lassen sich diese Produkte komplett auf Basis von Biomasse, Kunststoffabfällen und abgeschiedenem CO₂ herstellen? Und woher stammt CO₂ als Rohstoff, wenn die Energiewelt komplett auf regenerative Quellen umgestellt wäre?
Infrastruktur wird nicht nur für die Energieversorgung benötigt, sondern auch, um beispielsweise die Chemieindustrie mit Rohstoffen zu versorgen.
„Am vorteilhaftesten wäre eine Kombination aus dem Ausbau von Strom- und Wasserstoffnetz“, erklärt Dr. Fabian Neumann vom Fachgebiet „Digitaler Wandel in Energiesystemen“ der TU Berlin. Dort wurde gemeinsam mit der Universität Aarhus eine umfassende Modellanalyse der europäischen Energienetze durchgeführt. Geschickt kombiniert, wären Einsparungen von zehn Prozent möglich. „Das Stromnetz müsste sich hierfür allerdings immer noch in etwa verdoppeln“, sagt Neumann. „Jedoch könnte dies mit höherer gesellschaftlicher Akzeptanz geschehen, wenn stark umstrittene Stromtrassen gegebenenfalls mit Hilfe des Wasserstoffnetzes umgangen werden könnten.“ Siehe dazu Neumann et al. 2023. Weitere fünf Prozent Einsparung verspricht die Kombination von Wasserstoff- und CO₂-Netzen. „In Luftfahrt, Schifffahrt und der chemischen Industrie werden auch in einer klimaneutralen Wirtschaft weiterhin kohlenstoffhaltige Grundstoffe und Kraftstoffe benötigt, selbst wenn wir unsere Energiesystem weitestgehend elektrifizieren“, erläutert Fabian Hofmann, Autor der Studie. „Unsere Ergebnisse verdeutlichen, dass es entscheidend ist, großflächige Infrastrukturen wie CO₂- und Wasserstoffnetze sektoren- und länderübergreifend zu planen und zu koordinieren.“
Bereits heute entsteht hier in der mitteldeutschen Region diese neue Infrastruktur: Eine neue Wasserstoffleitung führt von Lubmin (Ostsee) bis Bobbau nördlich von Bitterfeld-Wolfen. Sie soll auf 120 Kilometern von Bobbau aus über den Saalekreis und den Burgenlandkreis bis nach Rückersdorf in Thüringen erweitert werden. Ende 2029 soll die Leitung ans Netz gehen. Dr. Dirk Flandrich, Geschäftsentwicklung & Nachhaltigkeit // Business Development & Sustainability von der GASCADE Gastransport GmbH, dem ausführenden Unternehmen, wird beim C4 einen Einblick in die geplante Infrastruktur und die zeitlichen Abläufe geben.

Mit einem Wasserstoff-Kernnetz werden Verbrauchs- und Erzeugungsregionen für Wasserstoff in Deutschland erreicht und Industriezentren, Speicher, Kraftwerke und Importkorridore angebunden. Dieses Kernnetz soll bis 2032 in Betrieb gehen. Ein Großteil der Leitungen wird umgestellt, ein etwas kleinerer Teil wird neu verlegt.
Gascade arbeitet nicht allein, sondern hat sich mit Partnern wie Ontras und Terranets BW zusammengeschlossen, um insgesamt 1600 Kilometer Leitung auf Wasserstoff umzustellen. Das Projekt nennt sich „Flow – making hydrogen happen“.
An einer Gemeinschaftsstudie H2-Netz OST zur Entwicklung einer ostdeutschen Wasserstoff-Verteilnetzinfrastruktur arbeitet derzeit die Europäische Metropolregion Mitteldeutschland. Ziel der Studie ist es, Bedarfe, Infrastrukturentwicklung und Erzeugungsperspektiven zusammenzuführen und daraus eine abgestimmte Infrastrukturperspektive für Ostdeutschland abzuleiten.
„Mit der Gemeinschaftsstudie schaffen wir einen gemeinsamen Rahmen für Ostdeutschland, um eine Wasserstoff-Verteilnetzinfrastruktur gemeinsam zu planen. Unser Anspruch ist es, Akteure aus Wirtschaft und öffentlicher Hand zusammenzubringen und regionale Perspektiven über Ländergrenzen hinweg zu bündeln. So legen wir die Grundlage dafür, dass die Energiewende ein Standortfaktor für Ostdeutschland wird“, erklärt Jörn-Heinrich Tobaben, Geschäftsführer der Europäischen Metropolregion Mitteldeutschland.
Jörn-Heinrich Tobaben wird beim C4 Einblick in die geplante Studie geben und die Perspektive H2-Netz OST in die Diskussion einfließen lassen.

Die Sicht eines Betreibers mit sowohl regenerativen als auch konventionellen Energieerzeugungsanlagen wird Matthias Kunath, Geschäftsführer der enviaTHERM GmbH, vertreten. Die enviaTHERM baut und betreibt in Ostdeutschland regenerative Anlagen in den Bereichen Wind, Photovoltaik, Wasser und Biomasse. Sie versorgt in Ostdeutschland derzeit rund 2.400 Kunden mit Fernwärme aus Gas- und Dampfturbinenanlagen, Heizwerken, Blockheizkraftwerken und Heizzentralen. Firmensitz der enviaTHERM ist Bitterfeld-Wolfen.
Ist das alles noch viel einfacher möglich? Windkraft ist die Technologie, die beventum im Blick hat. Das Team möchte Höhenwind in Deutschland, und zwar im Binnenland, auf ein komplett neues Level bringen. Daher wird derzeit in Schipkau, Brandenburg ein 365 Meter hohes Höhenwindrad errichtet, Vorbild für eine „zweite Etage“ in bestehenden Windparks und so ertragsstark wie ein Windrad in der Nordsee. Dr. Martin Chaumet, Scientific Director der beventum GmbH und Innovationsmanager bei der SPRIND, wird beim C4 davon berichten, was die Nutzbarmachung neuer innovativer Windkrafttechnologien für das Mitteldeutsche Revier bedeuten kann.
Wir laden Sie ein, mit uns und den Podiumsgästen zum Thema „Wann kommt die neue Infrastruktur für unsere Industrie?“ zu diskutieren! Betrachten Sie gemeinsam mit unseren Gästen, welche Weichenstellungen in die Wasserstoffwirtschaft führen, wie diese mit der Kohlenstoffwirtschaft verbunden sind, sich aber auch gegenseitig stören können, und ob die Nordsee quasi vor der Haustür liegen könnte. Wir erwarten eine spannende Diskussion und konkrete Informationen zum Fahrplan für die Infrastruktur der Zukunft.










