Der Forum Rathenau auf der Regionalpolitischen Jahrestagung des BMWE in Halle/Saale

© bundesfoto / Bernd Lammel

Erhalt und Entwicklung der Chemieindustrie in Sachsen-Anhalt müssen oberste Priorität haben, so Sascha Gläßer, Präsident der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau in seinem Grußwort zur Regionalpolitischen Jahrestagung in Halle am Montag, 2. März 2026. Gläßer: „Wer diese Basis schwächt, gefährdet weit mehr als einzelne Standorte vor Ort.“ Dazu werde unter anderem ein verlässlicher Energiepreis benötigt und es sei erforderlich, die CO₂-Speicherung onshore (an Land) und offshore (vor der Küste) zu prüfen. Gläßer weiter: „Richtige Ansätze liegen auf dem Tisch. Wir müssen sie entschlossen umsetzen.“ Das Rückgrat sei der Mittelstand. Das Jahr 2026 sei ein Jahr mit besonderer Verantwortung auch im Hinblick auf die Landtagswahl im September, und so sei es besonders wichtig, Vertrauen zu stärken. Ehrliche und sachliche Diskussionen seien deshalb erforderlich.

Der Forum Rathenau hatte im Vorfeld der Tagung gemeinsam mit dem Netzwerk der energieintensiven Unternehmen Chemie+ ein 10-Punkte-Papier entwickelt.

Die Zukunft der Chemieindustrie: Grüner Wasserstoff und Kohlenstoff als Rohstoff

Im Rahmen der Regionalpolitischen Jahrestagung des BMWE bot der Forum Rathenau e.V. unter anderem einen Workshop zum Thema „Zukunft der Chemieindustrie im mitteldeutschen Chemiedreieck“ an.

Zu Gast waren Stefanie Pötzsch, Staatssekretärin im Ministerium für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten des Landes Sachsen-Anhalt, Carsten Franzke, Geschäftsführer SKW Piesteritz, Vorstand des VCI Nordost, Sprecher des Kooperationsnetzwerk Chemie+ und Vorstand des Forum Rathenau, Wolfram Ridder, Geschäftsführer der Mercer Europe GmbH und Senior Vice President von Mercer International Inc. sowie Thomas Behrends, General Manager TotalEnergies Raffinerie Mitteldeutschland. Moderiert wurde der Workshop von Thies Schröder, Projektleiter des Forum Rathenau e.V. und Geschäftsführer der Ferropolis GmbH.

Die Diskussion zur „Zukunft der Chemieindustrie im mitteldeutschen Chemiedreieck“ brauche viele Impulse, Streit, Auseinandersetzung, nur eines habe sie nicht, so Thies Schröder: Zeit. Noch in den letzten Wochen hat sich die Zukunft der Chemieindustrie zugespitzt. Der Notbetrieb von Domo in Leuna, so Schröder, wird nur bis Anfang April aufrechterhalten. „Wir haben es mit Transformation unter Zeitdruck zu tun“, sagte Thies Schröder: „Wir haben aber auch Erfahrung mit Transformation hier in der Region.“

Grüner Wasserstoff statt CO₂-Emissionen

Thomas Behrends, General Manager TotalEnergies Raffinerie Mitteldeutschland

„Herr Behrends, wie hoch ist der Transformationsdruck, der gerade auf Ihrem Unternehmen lastet, und was sind Ihre Diamanten, die daraus entstehen“, fragte Thies Schröder. „Die Total Energies hat sich die Defossilisierung auf die Fahnen geschrieben“, berichtete Behrends. „Es geht darum, das heutige Tagesgeschäft aufrecht zu erhalten“, meinte er. „Und parallel mit vielen Investitionen, aber auch mit viel Unterstützung an der Zukunft zu arbeiten.“ Für die Raffinerie in Leuna gebe es einen sehr ambitionierten Plan: bis 2030 sollen die CO₂-Emissionen um 50 Prozent reduziert werden. Im Jahr 2013 sei man mit 3 Millionen Tonnen pro Jahr gestartet. Heute sei man bei etwa 2 Millionen Tonnen. Dieses Ziel sei nicht nur politisch getrieben, sondern werde vom Unternehmen getragen. Ein zentraler Hebel sei dabei der grüne Wasserstoff.

Ein Drittel der Emissionen, die die Leuna Raffinerie hat, solle mittels grünen Wasserstoffs vermieden werden. „Was braucht es für den Wasserstoff?“, fragte Behrends. Neben der Infrastruktur, die so schnell wie möglich fertiggestellt werden müsse, brauche es natürlich viele andere Abnehmer, allein sei das Unternehmen nicht in der Lage, die Finanzierung der Infrastruktur zu stemmen. Total Energies sei schon vor etwa zwei Jahren mit dem Energiepark in Bad Lauchstädt Vereinbarungen eingegangen, um dann hoffentlich beginnend in diesem Jahr grünen Wasserstoff in der Raffinerie in Leuna zu verarbeiten. „Wir haben die netzseitigen Anbindungen geschaffen“, sagte Behrends.  „Aus meiner Perspektive ist der Transformationsprozess kein einziger großer Schritt, sondern eine Treppe mit vielen kleinen Stufen, die wir nehmen müssen“, so der Ingenieur weiter. Darüber hinaus sei die Leuna Raffinerie Verträge eingegangen mit der RWE: 30.000 Tonnen grünen Wasserstoff werde RWE nach Leuna jährlich liefern, beginnend ab 2030. Voraussetzung sei natürlich, dass die Infrastruktur fertig ist.

Neben der Infrastruktur sei das zügige Inkrafttreten von der RED III (Erneuerbare-Energien Richtlinie III) erforderlich, damit nicht die im Nachteil seien, die zügig vorangingen in Richtung Defossilisierung.

Auch für die POX-Methanol-Anlage (partielle Oxidation), die im letzten Jahr 40 Jahre alt geworden ist, brauche Total Energies grünen Wasserstoff. Es gebe die POX-Methanol-Anlage nur der Raffinerie wegen und umgekehrt. Es sei fundamental, dieses Zusammenspiel zu verstehen und in die Politik zu tragen, um Unterstützung zu erzeugen.

Transformation brauche außerdem Wirtschaftlichkeit und Verlässlichkeit. Die Raffinerie habe 500 Millionen Euro in den vergangenen fünf Jahren ausgegeben. Die gleiche Größenordnung stehe zukünftig für die Wasserstoff-Pipeline an. Als Bestandteil eines großen Unternehmens müsse er mit Standortbedingung und Wirtschaftlichkeit überzeugen können, um Mittel für das Werk in Leuna zu bekommen, so Behrends. Dafür brauche die Leuna Raffinerie Unterstützung. Denn Total Energies als Konzern sei nicht zwingend auf Leuna angewiesen. Aber Leuna, der Chemiepark und die Region Mitteldeutschland seien auf Total Energies angewiesen. Die Attraktivität für internationale Konzerne sei erforderlich, damit sie in der Region blieben, weiter investierten oder sich neu ansiedelten. Die Total Energies Raffinerie im Chemiedreieck zähle nicht nur zur kritischen Infrastruktur, die sicherstelle, dass die Versorgung sicher gewährleistet ist. Als Teil der Kohlenwasserstoffindustrie sei sie auch Grundlage für die Chemie. „Ohne uns könnte die Chemie gar nicht so agieren, wie sie muss“, sagte Behrends.  „Diese Verbundstrukturen haben uns in der Vergangenheit stark gemacht“. Wir haben den stofflichen und energetischen Verbund über Jahrzehnte mit unseren Aktivitäten optimiert. Aber ein solcher Verbund habe, wenn Domino-Effekte entstehen, auch Schwächen. „Das ist jetzt genau die kritische Lage, die wir im Mitteldeutschen Chemiedreieck erleben.“

Eine so tiefgreifende Krise, wie wir sie gerade in der Industrie erlebten, verändere etwas im Menschen. Die Menschen stellten Fragen, auch bei Total Energies, wo eine sichere Basis gegeben sei. Er erhalte viel mehr Fragen über die Perspektiven des Unternehmens und über die Zukunft der Arbeitsplätze als jemals zuvor. Das müsse allen bewusst sein.

Behrends: „Was wir brauchen, ist ein positives Zukunftsbild der chemischen Industrie und der Kohlenwasserstoffindustrie. Genau dafür sind wir hier angetreten, um daran festzuhalten und daran mitzuwirken. Die aktuelle wirtschaftliche und geopolitische Situation fordert wirkungsvolle Maßnahmen, die unmittelbar morgen in Kraft treten müssen.“

Vom größten CO₂-Emittenten zum größten CO₂-Verbraucher

Carsten Franzke, Geschäftsführer SKW Piesteritz, Vorstand des VCI Nordost, Sprecher des Kooperationsnetzwerk Chemie+ und Vorstand des Forum Rathenau

Herr Franzke, wie sieht der SKW-Plan aus, um in die 2030er und 2040er Jahre zu kommen?, fragte Thies Schröder. 

Carsten Franzke betonte, er könne sich zum Thema Wasserstoff völlig an die Aussagen von Herrn Behrends anschließen. Was mache die Chemiebranche in Mitteldeutschland so wichtig?

Erstmal Umweltschutz, denn Kreislaufwirtschaft sei Umweltschutz. Es gebe nirgendwo eine bessere Kreislaufwirtschaft als in der Chemie, denn das Periodensystem hat bestimmte Stoffe, die miteinander reagieren, die auf andere Stoffe angewiesen sind und einen Output erzeugen. Wenn man das geschickt miteinander verbinde, gebe es im Rahmen dieses Stoffstroms einen geschlossenen Kreislauf. Franzke sagte: „Das ist unser Ziel für die Zukunft.“ Ziel sei es, dass möglichst keine Stoffe mehr übrigblieben oder emittiert werden. Daran arbeite SKW schon lange, denn Abfall oder Emissionen seien ja nicht nur schlecht für die Umwelt, sondern auch unternehmerisch ein Verlust einer Ressource, die man nicht nutze.

„Wir als Chemie haben bisher nicht den Technologiesprung anderer Branchen“, sagte Franzke. „Wir haben das Haber-Bosch-Verfahren. Aber im Rahmen dieser Technologie, mit denen SKW Erdgas oder Biomethan nicht energetisch, sondern stofflich nutze, gebe es bestehende Technologien, mit denen man effizienter und umwelttechnisch sauberer arbeiten könne. Den großen Technologiesprung, den gibt es erst mit Wasserstoff“, so Franzke. Dafür sei ein Komplettumbau einer Anlage bei SKW erforderlich. Wenn SKW eine Ammoniakanlage komplett auf Wasserstoff umbauen würde, koste das 500 Millionen Euro. „Und wir haben zwei davon“, sagte Franzke. „Wir sind genauso mächtig und groß wie TotalEnergies und genauso bedroht“, ergänzte er. Am Ende sei entscheidend, was der Kunde bereit sei zu zahlen. Denn Wasserstoff sei bis zu achtmal teurer im Vergleich zur Verwendung fossiler Rohstoffe. Wenn nur SKW auf Wasserstoff umstellen würde, dann hätte SKW bis zu achtmal höhere Preise verglichen mit den anderen Herstellern auf dem Weltmarkt.

„Für eine Transformation muss immer eine ausreichende und bezahlbare Energiebasis da sein, es muss eine Technologie da sein und vor allem, es muss eine Zeitschiene da sein, dass sich das entwickeln kann entlang realistischer Ansätze“, sagte Carsten Franzke. Gingen die Unternehmen bei dem Transformationsprozess verloren und hätte Deutschland zum Beispiel keine chemische Industrie mehr, die beispielsweise Ammoniak produziere, dann würde er spätestens heute Schweißausbrüche bekommen, wenn er höre, die Straße von Hormus sei gesperrt. Denn Ammoniak sei der Beginn einer gesamten Wertschöpfungskette. Globaler Markt dürfe also nicht globale Abhängigkeit bedeuten.

„Die Transformation darf weder das Unternehmen noch die Gesellschaft kaputt machen“, sagte Carsten Franzke. Bestimmte Regularien, die die Transformation begleiten, und auch Schutzmechanismen wie C-BAM (Carbon Border Adjustment Mechanism der EU) sehe er kritisch, da sich die CO₂-Kosten für Unternehmen, die ohnehin gerade sehr unter Druck seien, sehr erhöhen würden. Würde das ETS-System in der Form wie bisher geplant umgesetzt, dann würden sich die CO₂-Kosten der SKW von jetzt 40 Millionen auf 500 Millionen im Jahr 2034 erhöhen, bei einem Umsatz von 800 Millionen EUR. Wir hätten eine Inflation von über 100, 200, 300 Prozent“, warnte Franzke. 

Die Transformation biete aber auch Chancen. „Wir müssen bestehen im internationalen Wettbewerb. Wir sind transformationswillig und -fähig. Wir haben das Zeug dazu, aber dazu müssen wir überleben“, erläuterte Franzke. 

Auf Landesebene sei das angekommen, der Bund fange an zu fragen, aber die EU sei noch weit entfernt von dieser Realität, so sein Eindruck.

Was ist die Chance? In der Ammoniakanlage werde das Erdgas gecrackt, in Wasserstoff und in CO₂. Dann komme noch etwas Stickstoff dazu, aus der Luft. „Wir sind schon heute der größte Wasserstoffproduzent Deutschlands. Wie kommen wir über verschiedene andere Wege jetzt zur Klimaneutralität? Zum Beispiel mit CCS und CCU. Der Kohlenstoff müsse abgespalten und gespeichert werden, um ihn in Zukunft verarbeiten zu können, also zwischengespeichert“, sagte Carsten Franzke. Wenn die Ammoniak-Anlage komplett von Erdgas auf blauen Wasserstoff umgestellt sei, dann werde der Kohlenstoff benötigt für die Düngemittel, für Umweltdüngemittel. Diese Produkte benötigten Kohlenstoff. Wenn komplett auf grünen Wasserstoff umgestellt würde, den SKW sich liefern lassen würde, dann würde kein Erdgas mehr verwendet. Da aber Kohlenstoff für die Produkte wie Harnstoff benötigt werden, würde SKW vom größten CO₂-Emittenten zum größten CO₂-Verbraucher werden.

Chemieindustrie ist die DNA des Landes: Für die Rahmenbedingungen kämpfen

Stefanie Pötzsch, Staatssekretärin für Wirtschaft des Landes Sachsen-Anhalt

„Wir wollen Bedingungen des Gelingens miteinander diskutieren“, leitete Thies Schröder zum nächsten Podiumsgast über und begrüßte die Staatssekretärin für Wirtschaft des Landes Sachsen-Anhalt Stefanie Pötzsch. Die Staatssekretärin betonte, dass die Chemie die umsatzstärkste Branche in Sachsen-Anhalt ist. Pötzsch: „Deswegen ist die Chemie die DNA in Sachsen-Anhalt. Deswegen ist es so wichtig, dass wir diese Branche erhalten.“ Über die Wende, über die 1990er Jahre habe sich diese Branche in Sachsen-Anhalt hervorragend entwickelt. Aus dieser letzten Transformation sei die Chemiebranche als eine sehr, sehr starke Industrie hervorgegangen.

Die Wirtschaft allgemein und darum eben auch die Chemie brauche Wachstum. Eine Wirtschaft, die nicht wachse, schrumpfe. Das tue dem Land Sachsen-Anhalt nicht gut. Es folgten Arbeitsplatzverluste. Die sehe man schon jetzt. Deswegen sei es so wichtig, dass die Wirtschaft und damit die stärkste Branche in Sachsen-Anhalt wieder wachse. Dazu müsse die Branche aber transformieren.

„Ich möchte das gerne in den Kontext zu dieser Gesamtveranstaltung bringen. Wir reden hier über Regionalpolitik, über regionale Wirtschaftspolitik. Und die hat eigentlich immer ein Ziel gehabt, nämlich die Unternehmen dabei zu unterstützen, zu wachsen“, sagte Pötzsch. In den vergangenen zehn Jahren seien die Instrumente, die dafür vorhanden sind, umgebaut worden, um die Transformation zu unterstützen. Das sei wichtig gewesen, damit in Sachsen-Anhalt eine starke Industrie bestehen bleibe. Hier gebe es starke Unternehmen, die könnten transformieren, die könnten Vorreiter sein. Jetzt sei eine Situation eingetreten, in der Transformation unvermeidlich sei, aber die Rahmenbedingungen passten nicht dazu.

Deswegen müsse Sachsen-Anhalt wieder dahin kommen, dass die Instrumente genau das leisteten, nämlich Unternehmen zu unterstützen. „Sonst geht es einfach schief. Ich weiß, dass unsere Unternehmen das sehr stark machen. Die sind sehr stark in der Transformation. Deswegen bin ich auch sehr stolz darauf, dass sie das bisher durchhalten.“ Aber das fordere den Unternehmen sehr, sehr viel ab. Da müsse man als Gesellschaft auch den Konzernen dankbar sein, denn sehr viel Geld, glaube sie, verdiene man so nicht. Deswegen ihre Forderung: „Wir müssen wieder da hinkommen, dass wir Wachstum unterstützen.“

Dazu brauche es die entsprechenden Rahmenbedingungen, über die bei der regionalpolitischen Jahrestagung schon viel gesprochen worden sei. Für diese würde sie weiter kämpfen: „Wir können Förderinstrumente anbieten, aber wir können als Land nicht alle Themen lösen. Das können wir nur zusammen mit dem Bund und zusammen mit der EU. Das werden wir auch weiter tun, Sie unterstützen, weiterreden, und kämpfen.“

Pötzsch betonte, dass es auch im Bereich Chemie Innovationen, Gründungen und vielversprechende Startups gibt, auch wenn diese heute nicht auf der Tagung präsentiert worden seien. CYNiO sei ein schönes Beispiel dafür. Ein Startup aus Sachsen. Drei junge Frauen, die sich jetzt im TGZ Bitterfeld-Wolfen angesiedelt haben. Das sei etwas ganz Seltenes, Biochemie werde dort gemacht. Solche Startups fingen quasi mitten in der Transformation an. Pötzsch sagte: „Das ist ein Unternehmen, das von vornherein transformiert ist. Das ist natürlich die Zukunft. Auch im Gründungsbereich müssen wir weiter unterstützen, und das machen wir gerne. Dazu haben wir viele Instrumente.“

Die Landesregierung verfolgt eine regionale Innovationsstrategie. Diese führt fünf Leitmärkte auf, sowie Querschnittsbranchen und Querschnittsmärkte. Dazu gehöre zum Beispiel die IT-Branche, da diese in alle anderen hineinwirke. Das sei auch für die Chemie wichtig, beispielsweise Automation und KI. Auch hier müsse mit dem Fachkräftemangel umgegangen werden. Pötzsch: „Daher kann ich da nur alle größeren Unternehmen dazu aufrufen und ermuntern, unterstützen Sie bitte auch mit uns zusammen die Startups. Denn es wird ohne die Wirtschaft, die schon da ist, nicht gehen. Wir können viel unterstützen mit Fördermitteln, das hat aber immer eine Grenze. Wir brauchen immer privates Kapital, und das muss für hoffnungsvolle Unternehmen auch so sein, denn Gründen ist immer ein Risiko.“ Warum gründet man ein Unternehmen? Es gebe immer auch eine größere Idee, aber am Ende wolle man Geld verdienen. Deswegen müsse auch privates Kapital investiert werden, da am Ende auch privater Gewinn herauskomme.

Grüne Moleküle aus Lignin

Wolfram Ridder, Geschäftsführer der Mercer Europe GmbH und Senior Vice President von Mercer International Inc.

Thies Schröder begrüßte Wolfram Ridder, den Geschäftsführer der Mercer Europe GmbH und Senior Vice President der Mercer International Inc., als Vertreter eines der weltweit führenden Unternehmen in der Herstellung von Holzprodukten, Zellstoff und Bioenergie. Seit dem Eintritt der Mercer International im Jahr 1995 in die ostdeutsche Papier- und Zellstoffindustrie als Investor und Betreiber gestaltete Wolfram Ridder mitunter Aufbau und Erweiterung der Produktion von Kraftzellstoffen in Thüringen und Sachsen-Anhalt; diese macht heute einen Anteil von zirka 70 Prozent an der gesamtdeutschen Fasererzeugung aus. 

Ridder stellte die strategische Bedeutung des Kohlenstoffs ins Zentrum seiner Ausführungen. Er erläuterte, dass Mercer sich über die historische Rolle einer Zellstofffabrik hinaus heute als Unternehmen der holzbasierten industriellen Bioökonomie verstehe. Am Standort Stendal würden große Mengen an Biomasse zur Erzeugung von Zellstoff und Bioenergie verarbeitet, was das Werk zur größten Anlage ihrer Art in Zentral-Europa mache. Mercer sei ein gutes Beispiel für einen industriellen Verbund. In diesem Zusammenhang erklärte Ridder die Kooperation mit dem Energieversorgungsunternehmen Uniper bei der Fortentwicklung einschlägiger Technologien zur Erzeugung hochwertiger Synthesegase aus den heutigen Nebenstoffströmen der Zelluloseproduktion. Diese sind Basis biogener Kohlenwasserstoffe, um fossilen Kohlenstoff langfristig nachhaltig zu ersetzen.

Technologien zur CO₂-Entnahme als Chance

Wolfram Ridder, Geschäftsführer der Mercer Europe GmbH und Senior Vice President von Mercer International Inc. spricht beim CarbonCycleCultureClub (C4) am 26. März 2026 im Industrie- und Filmmuseum Wolfen als Podiumsgast.

Ridder unterstrich, dass Kohlenstoff die essenzielle Komponente aller Kohlenwasserstoffe sei. Während die Verfügbarkeit von Wasserstoff bei ausreichendem Ausbau erneuerbarer Energien gesichert scheine, liege der entscheidende Differenzierungsfaktor für Mercer beim Kohlenstoff. Um die Kreisläufe im Falle eines Wegfalls fossiler Zuströme zu schließen, sei ein steter Zufluss von recyceltem und erneuerbarem Kohlenstoff notwendig. Dies betreffe sowohl die Nutzungsseite durch chemisches Recycling als auch den Wiedereintrag in industrielle Prozesse.

In Bezug auf das chemische Recycling erörterte Ridder die technologischen Herausforderungen. Das Verfahren des Direct Air Capture (DAC) sei aufgrund der geringen atmosphärischen Konzentration von etwa 430 ppm äußerst langwierig und energieintensiv. Selbst Punktquellen böten oft nur einen Kohlenstoffgehalt von etwa zwei bis sieben Prozent. Im Gegensatz dazu liefere die Photosynthese in der Biomasse eine deutlich höhere Ausgangskonzentration. Unabhängig von der Frage nach dem fossilen oder biogenen Ursprung des aufgenommenen Kohlenstoffs stelle Biomasse mit einem Kohlenstoffgehalt von etwa 40 bis 45 Prozent einen exzellenten Ausgangsrohstoff dar. Durch die Zerlegung von Holz in Lignin und Zellulose werde im Lignin ein Wert von etwa 60 Prozent erreicht.

Rückblickend auf die Unternehmensgeschichte berichtete Ridder, dass Mercer als kanadisches Unternehmen im Jahr 1995 erstmals in ein bestehendes Zellstoffwerk in Südthüringen investierte. „Bereits damals bestand die Vision, technologische Verfahren zu etablieren, deren Umsetzbarkeit in Deutschland zuvor bezweifelt wurde“, sagte Ridder. Dies betraf insbesondere saubere alkalische Aufschlussverfahren, um eine nahezu geruchsfreie Produktion zu ermöglichen. Dennoch habe vor Mercer niemand gewagt, diesen Beweis in Deutschland zu führen. Mit dem Schwung der Nachwendezeit wurde die Technologie zunächst in Thüringen erprobt und Anfang der 2000er Jahre schließlich in der Greenfield-Anlage Mercer Stendal im Norden Sachsen-Anhalts in größerem Umfang umgesetzt.

Diese Anlage befindet sich an der Elbe auf dem Gelände eines nie vollendeten Kernkraftwerks der DDR. In einer Bauzeit von nur 23 Monaten wurde dort von 2002 bis 2004 mit großer Unterstützung des Landes und des Bundes ein industrielles Großprojekt realisiert, das aus technischer Sicht nach wie vor als hochmodern gilt. Die kontinuierlichen Investitionen in Optimierung und Erweiterung summieren sich heute inflationsbereinigt auf etwa zwei Milliarden Euro, womit das Projekt nach Leuna zu den bedeutendsten industriellen Direktinvestitionen in Deutschland zählt. Mit einer Kapazität von 720.000 Tonnen Zellulose und einem jährlichen Anfall von 500.000 Tonnen Lignin – täglich 2.200 Tonnen Zellulose und 1.400 Tonnen phenolische Biopolymere – ist das Werk eine gewaltige Quelle hochkonzentrierten Kohlenstoffs und ist damit Deutschlands größte Bioraffinerie. Durch die stoffliche Verwertung eines Nebenstroms der Zellstoffproduktion, der Lignin-Lauge, entstehen für das Unternehmen neue Wertschöpfungspfade.

Die zukünftige Strategie von Mercer sieht daher vor, die biogene Kohlendioxid-Freisetzung – das Lignin wird heute noch energetische genutzt – sukzessive durch eine stoffliche Nutzung des Kohlenstoffs als Element oder Kohlenstoffmonoxid zu ersetzen. Gemeinsam mit Uniper wird ein Verfahren entwickelt, um die zähflüssige Lignin-Lauge zu gasifizieren. „Das dabei entstehende Synthesegas zeichnet sich durch ein günstiges Verhältnis von Kohlenstoffmonoxid zu Wasserstoff aus“, erläuterte Ridder.  Dieses Gas soll in eine Fischer-Tropsch- oder Methanolsynthese fließen und so als Basis für grüne Moleküle dienen. Langfristig könnte die gesamte Menge von 500.000 Tonnen Lignin pro Jahr in diesen Synthesegasprozess überführt werden. Um dieses Ziel zu erreichen, müsse jedoch zunächst eine Pilotphase zur technologischen Bestätigung und Skalierung durchlaufen werden. In einem weiteren Abschnitt könnten bis zu 25 Prozent des biogenen Kohlenstoffs in Synthesegas umgewandelt werden, woraus jährlich circa 100.000 Tonnen Sustainable Aviation Fuel (SAF) gewonnen werden könnten. Ridder merkte an, dass SAF zwar kein perfekter zirkulärer Ansatz sei, aber einen Markt bediene, der aktuell kaum anders defossiliert werden könne. Das übergeordnete Ziel bleibe die schrittweise Etablierung eines geschlossenen Kohlenstoffkreislaufs durch stetige Zuführung erneuerbarer Kohlenwasserstoffe zu einem durch Recycling zunehmend zu schließenden materiellen Kohlenstoffkreislauf.

Abschließend verwies Ridder auf die erheblichen Herausforderungen dieses Weges. Als Produzent von Massengütern im internationalen Wettbewerb agiert Mercer unter den Rahmenbedingungen nationaler oder europäischer Klima- und Energiepolitik. Die Wettbewerbsfähigkeit hänge maßgeblich von den Standortbedingungen ab, wobei die Kosten für den Rohstoff Holz circa 75 Prozent der variablen Produktionskosten ausmachten. Herausfordernd sei hierbei die politische Incentivierung der energetischen Nutzung von Biomasse, von Pelletheizungen über kommunale Energie- bis zu industrieller Wärmeerzeugung. Da Biomasse unter dem Emissionshandelssystem als klimaneutral und abgabefrei gilt, korrelieren die Holzpreise linear mit steigenden ETS-Zertifikatspreisen. Ridder warnte davor, dass bei weiter steigenden CO₂-Preisen die stoffliche Nutzung von forstlicher Biomasse gegenüber der regulatorisch begünstigten energetischen Nutzung zunehmend an wirtschaftlicher Konkurrenzfähigkeit verliert und schließlich verdrängt werden könnte. Große Potentiale der Defossilierung der chemischen Industrie beziehungsweise der Darstellung negativer Emissionen wären dann gefährdet, beendete Wolfram Ridder seinen Vortrag im Workshop des Forum Rathenau.

„Wir haben an drei herausragenden Beispielen gesehen, dass das Vertrauen in die Unternehmen, die sich hier in Sachsen-Anhalt auf den Transformationspfad gemacht haben, begründet ist“, sagte Thies Schröder. „Wir haben aber auch gesehen, dass Transformation kein Selbstläufer ist.“ Sie kann nur unter den entsprechenden Marktbedingungen und regulatorischen Bedingungen stattfinden. „Wir haben heute außerdem gelernt, Chemie ist fast alles in unserer Wirtschaft, denn es geht immer um das Verhältnis von Edukten (Ausgangsstoffe einer chemischen Reaktion) und Produkten. Chemie ist genau dieser Wandel, und ‚gibt Brot-Wohlstand-Schönheit‘ (1) – aber eben nur unter den Bedingungen einer transformativen Reaktion“, sagte Thies Schröder zum Abschluss des Workshops.

(1) Unter dem Motto „Chemie gibt Brot – Wohlstand – Schönheit“ fand am 3. und 4. November 1958 in Leuna die „Chemiekonferenz der DDR statt“. Es wurde beschlossen, die chemische Industrie erheblich auszubauen.

© bundesfoto / Bernd Lammel
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